Russische Episode einer deutschen Journalistin: Eine kasachische Köstlichkeit

Wie es einer Journalistin in der kasachischen Steppe gelang, die deutsche Ehre zu retten, indem sie aß, was man ihr vorsetzte. Mit humorvoller Feder beschreibt Sylvia Greßler die Tücken interkultureller Kommunikation, denen sie sich zu Beginn der 90er noch ganz ohne vorbereitendes Coaching aussetzte.

 

Unter meinen Freunden befand sich ein junges kasachisches Paar, er hieß Sungat, sie Gauhar. Beide hatten mich schon häufig zu sich nach Hause eingeladen und zeigten sich immer sehr hilfsbereit in meinem Kampf mit dem Alma-Ataer Alltag.

Ein Ausflug aufs Land

Eines Tages erklärten sie mir, dass ich auch das kasachische Landleben kennenlernen sollte, und schlugen vor, mich zur Familie von Sungat in eine Kolchose im Süden Kasachstans mitzunehmen. Ehrlich gesagt, ich war über diese Einladung zunächst nicht allzu erfreut, denn ich hatte bereits einige Dienstreisen aufs Land unternommen und wusste nur zu genau, dass es dort nicht romantisch zuging, sondern dass die Menschen zumeist in sehr ärmlichen und primitiven Verhältnissen lebten. Vor allem empfand ich das Leben ohne fließendes Wasser im Haus und ohne Asphalt auf den Straßen und Höfen nicht nur als schmutzig, sondern oft auch als unhygienisch.

Im ersten Jahr meines Kasachstan-Aufenthaltes hatte ich über so manches hinwegsehen können, doch je länger ich in diesem Land lebte, desto mehr drückte mir der Geschirrabwasch – nach einem reichlich fetten Essen – ohne fließend heißes Wasser aufs Gemüt. Auch das Klohäuschen im Garten und dessen Ausdünstungen bei 40 °C hatten meine Begeisterung für Fahrten aufs Land bzw. ins Aul, dem kasachischen Dorf, sehr getrübt.

Aber im Fall von Sungat konnte ich nicht Nein sagen, denn ich wusste genau, welche Ehre es für ihn bedeutete, einen Gast aus Westdeutschland in seiner Dorfgemeinschaft vorzuführen. Auch wenn unter diesen Menschen wohl kaum einer eine blasse Vorstellung von der Lage Westdeutschlands hatte. Auf jeden Fall aber war ich ganz offensichtlich ein Gast aus einer anderen Welt, und das genügte.

Kasachische Gastfreundschaft

So rumpelten wir im Lada durch die Steppe ins heimatliche Dorf. Dort wurde ich von einer riesigen Delegation aus Mutter, Brüdern, Schwestern, Schwäger, Schwägerinnen und einer nicht minder großen Anzahl von Kindern empfangen. Man geleitete mich ins Haus, nicht ohne mir vorher den familieneigenen Esel vorgeführt zu haben, ein schönes Tier. Im Wohn-/Schlafzimmer hatte man den Boden festlich gedeckt. –

Die Kasachen als Nomadenvolk kennen natürlich so gut wie keine Möbel. Man lebte früher in der Jurte und heutzutage im Haus auf dem Boden auf dicken wunderschönen Matten. – Eine große bunte Plastiktischdecke lag in die Mitte des Raumes. Rundherum waren diese typisch kasachischen Sitzunterlagen drapiert. Ich wurde zu einem Gedeck geführt und hockte mich davor. Dann folgten alle anderen Anwesenden.

Hammel zu Ehren des Gastes

Sungat erzählte mir, man habe mir zu Ehren einen Hammel geschlachtet. Ich bedankte mich. Und nachdem wir nun die Vorspeisen – getrocknete Aprikosen, Rosinen und Nüsse – zu uns genommen und uns jeweils mit langen Reden zugeprostet hatten, kam eine junge Kasachin ins Zimmer, vor sich ein großes Tablett mit einem gekochten Hammelkopf darauf, den sie vor mich hinstellte. Ein Mann reichte mir ein langes Messer, und alle Augen richteten sich erwartungsvoll auf mich.

Da ich nicht wusste, wie ich richtig reagieren sollte, und keinerlei Bewegung machte, stattdessen nur dümmlich lächelnd in die Runde schaute, rettete mein kasachischer Freund die Situation und erklärte irgendetwas auf Kasachisch. Alle nickten verständnisvoll und der wunderbare Hammelkopf samt Messer wanderte vor seine Knie. Jetzt wurde mir der wohl wichtigste kasachische Brauch unter Gästen eindrucksvoll demonstriert, und dies sollte ein unvergessliches Erlebnis in meinem Leben werden.

Wohlbedachte Auswahl

Sungat schnitt einzelne Teile vom Kopf des Tieres ab, von denen jedes eine bestimmte Bedeutung hatte. Es wurde der dazu passenden Person überreicht, die es genüsslich vor aller Augen verspeiste. So erhielt der älteste Mann unter diesen Kasachen das Hirn des Hammels, um seine Weisheit durch die des Hammelhirns zu vermehren Die Ohren gingen an die Schwiegertöchter, damit diese stets aufmerksam den Worten der Schwiegermutter lauschten und sie befolgten.

Als ich das Treiben begriffen hatte, überlegte ich, was ich wohl essen dürfte, und hoffte inständig auf etwas kleines Geschmackloses, das ich möglichst mit einem Schlucken in den Magen befördern konnte. Ich vermutete nämlich, dass mir all diese Hammelköstlichkeiten nicht unbedingt so munden würden wie den Gastgebern. Und dann kam es.

Wachsames Auge

Ich beobachtete, wie Sungat mit einer bohrenden Bewegung ein Auge des Tieres aus dem schon recht zerfledderten Kopf schnitt. Daraufhin schaute er mich strahlend an und erklärte: „Das Auge gebührt unserem Gast, der deutschen Journalistin! Es möge ihre Sehkraft stärken und ihr so helfen, alles in unserem Land genau zu erkennen!“ Mit diesen feierlichen Worten legte er die Köstlichkeit auf meinen Teller.

Da lag nun eine riesige Pupille vor mir und starrte mich an. Hinter diesem festen Bestandteil aber sah ich ein weißes glibberiges Etwas von der Größe und Form eines Tennisballs. Blanker Ekel und die bloße Verzweiflung stiegen in mir hoch. Ich blickte ungläubig in die Runde, alle schauten mich gespannt an. Die Stunde meiner Erziehung war gekommen: „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!“

Todesmutig ergriff ich das triefende Auge, biss in das wabbelnde Weiß und schluckte, ohne auch nur ein Mal zu kauen, alles hinunter. Dann aber packte ich gegen alle guten kasachischen Sitten mein Wodkaglas und kippte ohne auch nur ein Wort des obligatorischen Trinkspruchs auf das Gastland den gesamten Inhalt mit einem Schluck hinterher.

Ein ekliger Geschmack breitete sich in meinem Mund aus, aber heftiges Brennen, verursacht durch den Hochprozentigen, lenkte mich sogleich ab. Ich blickte auf, nickte den Gastgebern dankend zu, und die Kopfteilungszeremonie wurde fortgeführt. Mich erfüllten tiefer Stolz und Zufriedenheit.

Noch immer bin ich der Überzeugung, dass ich damals im Herbst 1992 in dieser kasachischen Kolchose weit draußen in der Steppe die Ehre des deutschen Volkes gerettet habe. Auf ein Verdienstkreuz für diese Heldentat warte ich allerdings bis heute vergeblich.
 

 

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