Wen Klasse zeigen Kraft kostet …

Die Aufsteigerin bei ihrer Arbeit (Foto: #Morrien)

Von Ebba Hagenberg-Miliu

Neulich bei einem Ehemaligentreffen der Uni Hamburg kam die Vergangenheit in Isabell Lisberg-Haag wieder hoch. Da sei sie aufgestanden und habe einem Professor von Herzen dafür gedankt, dass er ihr, der damaligen Arbeitertochter, Mut gemacht habe, sogar zu promovieren. „Und plötzlich kam ich mir wieder so fremd wie früher vor“, erzählt die Geschäftsführerin einer Bonner Medienagentur. Beim Blick in eine ganze Reihe eisiger Gesichter sei in ihr nach langen Jahren wieder das Impostor-Syndrom hochgekommen. „Also der Selbstzweifel. Ich habe das gar nicht verdient, was ich erreicht habe. Ich bin eine Hochstaplerin.“ Lisberg-Haag greift sich an den Kopf.

Plötzlich habe ihr die Studienzeit wieder klar vor Augen gestanden, wie sie sich unter dem Gros von Lehrer- oder Professorenkindern immer zwischen zwei Welten gefühlt habe. Sie hatte die Herkunftsfamilie verlassen, in der niemand verstand, was das Mädchen mit einem so unpraktischen Fach wie Geschichte überhaupt im Leben anfangen wollte. Sie sei aber auch nicht in der Welt der Juristen- und Beamtenkinder angekommen, die im Hörsaal saßen und die Botschaft ausstrahlten: „Wir sind die Coolsten.“ Auch jetzt beim Ehemaligentreffen habe ihr erst beim Hinausgehen ein Kommilitone leise zugesteckt: „Ich bin dir so dankbar, dass du das offen gesagt hast.“ Die 57-Jährige schweigt eine Weile.

Die promovierte Historikerin berät heute selbst angehende Doktoranden, die als Erste in der Familie einen erfolgreichen Hochschulabschluss erreicht haben und überlegen, die Akademikerlaufbahn weiterzuführen: etwa in einem Workshop am 9. Mai im Auftrag der Gleichstellungsbeauftragten der Universität Bonn. Die Bildungsexpertin scheut sich dabei auch nicht, sich als Bergmannstocher zu outen. Lernen habe ihr schon in der Schule enormen Spaß gemacht. „Als ich darauf beharrte, Latein als Leistungsfach zu belegen, hat meine Mutter mich nicht mehr verstanden“, erinnert sich Lisberg-Haag. Und sie selbst wusste: Sie wollte weg aus der Arbeiterwelt – und wurde für die Familie so etwas wie ein fremdes Insekt.

Kommentare wie: „Du glaubst wohl, du bist etwas Besseres“ und „Auch einfache Leute sind gut“ hätten sie sehr geschmerzt, gibt die Historikerin zu. Aber sie habe eben Bildung schon frühzeitig als Rettung begriffen. „Als ich dann erstmals in meinem Lieblingsfach Geschichte im Hörsaal saß, die kleine Studentin mit den Flechtzöpfen, da habe ich gewusst: Jetzt geht das Leben los“, sagt Lisberg-Haag, und ihre Augen blitzen. Das häusliche Umfeld war irritiert. Sie erhielt keine Unterstützung. Es wurde nicht nachgefragt. „Heute habe ich eine große emotionale Distanz zu meiner Herkunftsfamilie, was ich bedaure, aber nicht ändern kann.“  >>Weiterlesen im General-Anzeiger

 

Zahlen zum Thema:

Von 100 Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil beginnen 74 ein Studium, von denen wiederum 63 einen Bachelorabschluss machen, 45 noch einen Master draufsatteln und schließlich zehn eine Promotion absolvieren. Von 100 Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, schaffen nur 15 einen Bachelor, machen nur acht bis zum Master weiter – und nur eine einzige Person erlangt den Doktorgrad. Folgerichtig besteht die aktuelle Professorenschaft zum Großteil aus der oberen Mittel- und Oberschicht. (Quelle: Dr. Isabella Lisberg-Haag)

 

Literatur zum Thema:

Dröscher, Daniela: Zeige deine Klasse; Die Geschichte meiner sozialen Herkunft. Hamburg: Hoffmann & Campe 2018.

Zum Inhalt: "Zeige deine Klasse" ist ein hellsichtiges Porträt über soziale Herkunft. Aus einer radikal subjektiven Perspektive beleuchtet Daniela Dröscher, wie die Klassenzugehörigkeit das eigene Selbstbild und das gesellschaftliche Miteinander bis heute prägt, aber auch, mit wie viel Scham der Begriff noch immer besetzt ist. Doch die Herkunft zu verleugnen ist viel anstrengender, als davon zu erzählen ... PERLENTAUCHER Rezension
 

Eribon, Didier: Rückkehr nach Reims. Berlin: edition suhrkamp 2016.

Zum Inhalt: Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist. Das Buch sorgt seit seinem Erscheinen international für Aufsehen. So widmete Édouard Louis dem Autor seinen Bestseller Das Ende von Eddy.

 

Hahn, Ulla: Das verborgene Wort. München: dva 2001

Zum Inhalt: Ein Mädchen, Arbeiterkind, voller Neugier und Lebenswille sieht sich im Käfig einer engen katholischen Dorfgemeinde gefangen. Sie stößt an die Grenzen einer Welt, in der Sprache und Phantasie nichts gelten. Fast zerbricht sie an der Härte und Verständnislosigkeit der Eltern, die sie in den eigenen Lebensgewohnheiten festhalten wollen. Im Deutschland der fünfziger und frühen sechziger Jahre sucht das Mädchen seinen Weg in die Freiheit: die Freiheit des verborgenen Worts.

»Das verborgene Wort spiegelt wie kaum ein anderer Zeitroman die kulturelle Atmosphäre der fünfziger Jahre.« Die Zeit
»Ein imposantes, autobiographisch gefärbtes Epos« Der Spiegel
 

Webadresse:

arbeiterkind.de
Für alle, die als Erste in ihrer Familie studieren

Stimmen:
"Über zehn Jahre war ich auf einer Bildungsodyssee, daher ist es mir wichtig, Orientierung und Mut zum Handeln zu geben. Ich bin überzeugt, dass die größte Hürde für Erfolg die eigene Angst ist und ich möchte dazu motivieren, sich als Architekt und Konstrukteur der eigenen Biographie zu verstehen.“ Marc Zimmermann, Lehramtstudent und ArbeiterKind.de-Mentor

„Ich engagiere mich bei ArbeiterKind.de, um anderen die Angst vor einem Studium zu nehmen und ihnen Mut zu geben. Es geht mir darum zu zeigen, dass ein Studium ganz viel Spaß macht und es sich lohnt.“  Nesrin Kaya, Mentorin bei ArbeiterKind.de in Frankfurt am Main 

"Hätte man mir gesagt, was mich im Studium erwartet, ich hätte es wohl nicht für möglich gehalten. Und doch, hier bin ich – durch Fleiß, aber auch durch Inspiration von anderen zum richtigen Zeitpunkt. ArbeiterKind.de kann euch helfen, an Studienerfahrungen aus erster Hand zu kommen und schwierige, aber wegweisende Fragen aufzuwerfen." Franz Hübner, M.A. European Affairs

"Ich engagiere mich bei ArbeiterKind.de, weil ich in meiner Familie die Erste an der Uni und damit ziemlich allein war. Zunächst war der 'Kosmos Uni' wie eine andere Welt, aber das legte sich mit jedem Semester. Meine Erfahrungen möchte ich weitergeben und Schulabgänger dabei unterstützen, den für sie passenden Weg zu finden." Stefanie Möncke, wissenschaftliche Pädagogin

 

Sinnstiftende Karrieren

Organisierter Aufstieg: 50+ Berichte aus erster Hand über das Coaching mit DreamGuidance bei Birgitt E. Morrien.

Zur Coaching-Expertin: Die in Köln ansässige Kommunikationswissenschaftlerin war als Stipendiatin zum Studium an der Boston University / College of Communication. Mitgebracht hat sie von dort den Master of Science in mass communication. Morrien entstammt einem nichtakademischen Milieu von Handwerkern, Kaufleuten und Unternehmern einerseits, dem westfälischen Uradel andererseits. Sie ist Buchautorin und seit mehr als 20 Jahren beratend tätig in eigener Praxis als Senior Business Coach DBVC.

 

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