An Brüchen wachsen

AnGesehen werden. (Fotomontage: #Morrien)

Jüngst bin ich auf einer Party und es wird sich über dies und das unterhalten. Dass man sich ihm so leicht anvertraue, gibt ein Gast zum Besten. Selbst Unbekannte würden ihm ganze Lebensgeschichten erzählen. Und nun fragt er sich, warum das so ist.

Ich sehe einen sympathischen älteren Herrn vor mir, um die 60, der mit seinem Mann dasitzt, auch sehr vertrauenerweckend. Dass er aus dem Osten kommt, habe ich bereits erfahren, und dass er im Westen Karriere gemacht hat im Medienbereich.

Zu fortgeschrittener Stunde würde ich ihm auch das ein oder andere Geheimnis aus meiner Vita anvertrauen. Ganz bestimmt. Und sein verständiger gütiger Blick würde mir signalisieren, dass alles o. k. ist und ich mich bei ihm gut aufgehoben fühlen darf.

Irgendwas an ihm sagt mir, dass er sich mit alledem auskennt, was ich ihm da erzählen würde. Es wäre ihm nicht fremd, auch wenn er es vielleicht nicht ganz genauso selbst erlebt hat. Aber er würde nachempfinden können, was es bedeutet, dies erlebt zu haben.

WIE UNS PRÄGT, WIE WIR AUFWACHSEN

Ich stelle mir vor, wie es war, als Mann im alten Osten einen anderen Mann zu begehren. Wie es war, sich als junger Mann so von anderen zu unterscheiden. Wurde er ausgegrenzt oder gar geschlagen? War es schlimmer als im alten Westen oder nur genauso schlimm?

Das Gefühl der Unterlegenheit ist ihm vertraut, das spüre ich. Er weiß, wie es ist, Ohnmacht am eigenen Leibe zu erfahren, drohender Gewalt ausgeliefert zu sein, entwertet. Und er hat diese Erfahrung offenbar nicht verdrängt, sondern in sich zu Güte transformiert.

Womöglich hatte er eine sehr liebevolle Großmutter oder einen solchen Vater. Eine Person jedenfalls, von der er sich zutiefst angenommen wusste. Eine, die ihm seine Liebe vorbehaltlos gezeigt hat. Ein einfacher Mensch vielleicht, doch mit viel Herzensbildung.

Ja, so denke ich mir das und erkenne in ihm den Bildungsaufsteiger. Einen klugen jungen Mann, dem das Schulische zufliegt, der aber in fremden Arbeitswelten den Aufstieg unter anderen schaffen muss, die mit dieser Kultur von Kindesbeinen an vertraut sind.

AN BRÜCHEN WACHSEN

Die Bewältigung all dieser Brüche hat ihn zu dem gemacht, dem ich heute begegne: einem Schwulen in einer heterosexuellen Welt, als kulturell entwurzelter Ostler in einer westlich definierten Welt und als Bildungsaufsteiger unter Kolleginnen und Kollegen, vielfach von früh auf akademisch geprägt.

Man möchte ihm vom eigenen freudigen Leben und so manchem Leid erzählen, diesem Menschen. Ihm, der sich zeitlebens auf so viele Veränderungen einschwingen musste. Dem das Schicksal auf die Agenda gesetzt hat, die Empathie von der Pike auf zu lernen. Von unten nach oben zu schauen, von unten nach oben zu spüren, um zu überleben.

Die Spielregeln der Überlegenen durchschauen, auf die ihn niemand vorbereitet hat und die ihm niemand erklärt. Sich schnüffelnd vortasten, zwischen den Zeilen lesen, langsam die Bedeutungen des Ungesagten zu deuten beginnen.

WAS UNS TRENNT

Was mir dieser Mensch in unserer patriarchalen Welt voraushat, ist das Mannsein. Die damit verbundenen Privilegien, die diesem Geschlecht in den meisten Lebens- und Arbeitsbereichen zufallen. Qua Geburt im Vorteil zu sein. Doch blieben mir die enormen Anstrengungen des Transits in eine vollkommen neue gesellschaftliche Wirklichkeit erspart.

Ich bin die Westlerin, seit jeher mit den Herausforderungen und Möglichkeiten des Kapitalismus vertraut. Und wenn ich ihm dennoch zu späterer Stunde mein Herz ausschütte, verrate ich ihm, dass ich mich als Frau in einer männerdominierten Welt oft fühle wie eine entwurzelte Ostlerin im wilden Westen.

Seine Güte wird dazu führen, dass er mir verständnisvoll zunickt und ich mich dabei verstanden fühle. Ob er mich aber wirklich versteht … mich, die ich als Frau in einer Frauenehe aus nichtakademischen Verhältnissen stammend meinen Weg gegangen bin?

WAS WIR TEILEN / dreierlei / AN UNSEREN BRÜCHEN GEWACHSEN

ER

  1. Ost/West
  2. Queer/Hetero
  3. Nichtakademisch/Akademisch

ICH

  1. Frau/Mann
  2. Queer/Hetero
  3. Nichtakademisch/Akademisch

 

Birgitt E. Morrien / Autorin dju und Senior Coach DBVC für vielseitige Persönlichkeiten auf dem Weg zu neuen beruflichen Aufgaben / Inspiratorin für kollektive Entwicklungsimpulse etwa im Rahmen digital basierter Konzeptkunst (Riesenei am Dom) sowie freier instrumenteller und Vokalimprovisationen PDF

 

Weiterführende Informationen:

I. Intersektionalität

  • FLINTA* – Was bedeutet das und warum ist es wichtig
  • Forschungsplattform und Praxisforum für Intersektionalität und Interdependenzen.
  • Vielfalt intersektional verstehen: Ein Wegweiser für diversitätsorientierte Organisationsentwicklung
  • Weiterbildung LSBTIQ*-Beratung: Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtliche Vielfalt in Psychotherapie und Beratung
  • Ringfortbildung psychosoziale Beratung und Intersektionalität

II. Bildungsaufstieg 

Transclass: Wenn Klasse zeigen Kraft kostet … (Beitrag mit zahlreichen weiterführenden Literaturtipps)

III. Feminismus 

 

PS zum Foto: Der ältere Herr ist übrigens etwa gleich alt mit der Autorin, die -um Fragen zu Bildrechten zu vermeiden- ein Foto von sich via Faceapp entsprechend verändert hat.  Ob das nun Kunst ist oder ein schnöder Fake, darüber lässt sich trefflich streiten.

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