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Frauen, Karriere & Macho-Ökonomie

Alles unter Kontrolle.

Textauszug aus „Machonomics“ von Katrine Marçals über "Die Ökonomie und die Frauen". Managerinnen tragen Hosenanzüge, aber Manager keine Blümchenkleider.

DAS VIERZEHNTE KAPITEL

Über die ungeahnte Tiefgründigkeit und die Ängste des ökonomischen Mannes

Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert vollzog sich in den westlichen Ländern ein Sinneswandel, was das Verhältnis zwischen Mensch und Natur betraf. Das bis dato vorherrschende Weltbild, das den Menschen als Teil eines meist weiblichen, lebhaften und launenhaften Kosmos begriffen hatte, wich einer Vorstellung, in der die Männer zu autonomen, objektiven Betrachtern wurden, die die Natur eroberten. Die Natur, die zuvor lebendig, in Bewegung und organisch (bisweilen auf erschreckende Weise) gewesen war, war mit einem Mal passiv, tot und schließlich auch mechanisch.

Der Mann ist die Vernunft, die Frau das Gefühl

Der Mann wurde aus der Natur herausgelöst: Er war ein autonomes Individuum, das sich die Welt untertan machte. Die Frau war sein Gegenteil: Ihre Aufgabe war es, ihn an all das zu binden, was er hinter sich gelassen hatte – Abhängigkeit, Natur, Körper, Leben.

Er ist Vernunft, sie ist Gefühl. Er ist Bewusstsein, sie ist Körper. Er ist autonom, sie ist abhängig. Er ist aktiv, sie ist passiv. Er ist egoistisch, sie ist altruistisch. Er ist hart, sie ist weich. Er ist berechnend, sie ist unberechenbar. Er ist rational, sie ist irrational. Er ist isoliert, sie ist mit allem verbunden. Er ist Wissenschaft, sie ist Magie.

Männer erklären uns, es gebe Dinge, für die es sich zu sterben lohnt. Frauen erklären uns, es gebe Dinge, für die es sich zu leben lohnt.

Das ist die Rollenverteilung. Wie beim Standardtanzen. Und natürlich wäre es ganz wunderbar, wenn es nicht mehr wäre als – ein Tanz.

Im Grunde spielt es kaum eine Rolle, wie Frauen und Männer sich tatsächlich verhalten; eingefahrene Vorstellungen, denen wir mehr Beachtung als der Realität schenken, gibt es schließlich noch und nöcher.

Von der Frau wird erwartet, ihre Geschlechterrolle auszufüllen. Das gilt zwar auch für den Mann, aber nicht im selben Aus­maß.

Managerinnen tragen Hosenanzug, aber Geschäftsführer keine Blümchenkleider

Wenn es heißt, die Geschlechterrollen sollen aufgelöst werden, führt das eher selten dazu, dass Jungs plötzlich pinke Klamotten tragen oder Geschäftsführer sich in Blümchenkleider schmeißen, um «ernst genommen» zu werden. Das wäre ja lächerlich, sagen wir. Hingegen wird von einer Frau, die eine Führungsposition in der Wirtschaft bekleidet, durchaus erwartet, einen dunklen Hosenanzug zu tragen. Erscheint sie im Rüschenkleidchen oder Rock im Büro, werden die Kollegen hinter ihrem Rücken tuscheln. Es wird von ihr erwartet, sich neutral zu kleiden – also maskulin – und sich einer bereits existenten, auf den männlichen Körper zugeschnittenen Struktur anzupassen. Doch zu männlich darf sie auch nicht werden. Sie soll immer noch Frau bleiben – eine Frau, die subtil darauf hinweist, dass sie sich in einer Männerdomäne bewegt.

Welch ein Drahtseilakt.

Wenn Jamie Oliver das Basilikum bezwingt

Um unsere Erwartungen an Männer ist es da ganz anders bestellt. Niemand verlangt von Jamie Oliver, sich einer weiblichen Genderrolle anzupassen, nur weil das Kochen traditionell von der Frau übernommen wurde. Im Gegenteil, der TV­-Koch Oliver verschafft sich Autorität, indem er seine geballte Männlichkeit zur Schau stellt. Jamie Oliver hackt kein Basilikum, Jamie Oliver stopft das Basilikum in ein Geschirrhandtuch, schleudert es mit voller Wucht gegen den Tisch, stöhnt und bezwingt das Kraut, besiegt es – um es endlich in den Kochtopf zu geben.

Eine Kita, die sich vornimmt, Geschlechterstereotypen entgegenzuwirken, wird sich gegen rosa Ballettkleidchen kleiner Mädchen aussprechen. Na na, wir werden doch wohl kein ste­ reotypes Kleidchen beim Turnen tragen? Doch nicht in einem so progressiven skandinavischen Wohlfahrtsstaat wie dem unseren! Bei uns sollen die Kinder zu freien Individuen erzogen werden, und das bedeutet, dass Mädchen nicht in rosa Tutus herumtollen, und zwar deswegen, weil sie das auf eine Geschlechterrolle reduzieren könnte, in der sie sich womöglich ganz und gar nicht wohlfühlen.

An die Kleidung der Jungs jedoch verschwendet dieselbe wohlmeinende Lehrerin keinen einzigen Gedanken. Ein rosa Tutu ist stereotyp, die nicht minder traditionelle Sportbekleidung der Jungs hingegen gilt als neutral.

Menschsein heißt Mann sein

Und als neutral wird das Männliche meistens bewertet. Es gehört zum Genderprofil.

Shakespeares Prinz Hamlet verkörpert eine sehr universale Frage: Sein oder Nichtsein. Und Sein heißt, wie er zu sein. Wir alle – auch Frauen – lernen, uns mit ihm zu identifizieren. Hamlets Grübelei wird zu einer genuin menschlichen Erfahrung. Der Mann ist die Norm, und Menschsein heißt Mann­ sein.

Ein Kind auszutragen, ist keine menschliche Erfahrung, sondern eine weibliche. So haben wir es gelernt. Zwischen der weiblichen und der allgemein menschlichen Erfahrung existiert eine scharfe Trennlinie. Niemand liest Schwangerschaftsbücher, um die menschliche Existenz zu ergründen. Da greifen wir lieber zu Shakespeare oder einem der großen Philosophen, die uns Geschichten davon erzählen, wie die Menschen wie Pilze aus dem Boden schossen, um augenblicklich Gesellschaftsverträge zu schließen.

Der Mann ist der Mensch

Nur die Frau hat ein Geschlecht. Der Mann ist menschlich. Nur eines der Geschlechter existiert. Das andere ist eine Variante, eine Spiegelung, eine Ergänzung.

In der Welt der Ökonomie sind wir also rationale, nutzenmaximierende und egoistische Wesen, besitzen also Eigenschaften, die traditionell eher dem Mann zugeschrieben wurden. Darum fassen wir sie als neutrale Eigenschaften auf. Sie sind geschlechtslos – weil der Mann niemals ein Geschlecht hatte. Es gibt nur ein Geschlecht: den ökonomischen Mann. Gleichwohl hat die Theorie stets vorausgesetzt, dass jemand anders für Fürsorge, Nächstenliebe und Abhängigkeit steht, auch wenn diese Dinge unsichtbar sind. Wer in der ökonomischen Erzählung eine Rolle spielen möchte, muss sein wie der ökonomische Mann. Zugleich basiert das, was wir Ökonomie nennen, auf einer anderen Erzählung. Auf allem, was ausgesperrt wird, damit der ökonomische Mann der sein kann, der er ist. Damit er sagen kann, es gebe keine Alternative.

Frauen können alles, was Männer können

>>Weiterlesen bei Claudia Tödtmann, die für die Wirtschaftswoche über Nützliches, Unterhaltsames und Wissenswertes aus dem Büroalltag bloggt.

 

Der besprochene Titel:
Machonomics – Die Ökonomie und die Frauen“ von Katrine Marçal, Beck Verlag, Februar 2016, 206 Seiten, 16,95 Euro

Management-Coaching:
Sinnstiftende Karrieren: Den eigenen Weg finden in digitalen Zeiten.

 

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