Drei Tage ohne Mutter

Abschiednehmen von der betagten, kranken Mutter, Sterben und Tod prägten die letzten Wochen. Erinnerungen an fordernde und überfordernde Kindertage wurden dabei noch einmal lebendig und zeigten sich im Licht des Erreichten: Einen Traum wahr werden zu lassen, das konnte schon die Mutter. Welche Lehren sind zu ziehen aus diesem gelebten Leben und welche Antworten findet das eigene Selbst? Das Träumen ist die Ressource, aus der wir schöpfen können, um unserem Leben eine wahrhaftige, uns gemäße Richtung zu geben.


Birgitt Morrien

Dies ist kein Tag wie jeder andere. Es ist der dritte Tag ohne Mutter. Und es werden noch viele weitere folgen. Jeder mehr ein Sichumgewöhnen. Ein Abschiednehmen. Ein neues Ankommen.

Wer sich wie ich in den vergangenen Wochen viel mit dem Sterben beschäftigt hat, fühlt Erleichterung, wenn Leiden Erlösung findet. Meine Mutter lag am Ende bewegungslos da, in ihrem Leib gefangen, sprachlos. Nur ein leises „Still“ hauchte sie noch einmal, als ich nachfragte, ob sie mein Bemühen, mich ihr mitzuteilen, gehört und verstanden habe.

Es ist alles gesagt. Alles getan. Genug.
Wenn das so ist, ist Stille.

Immer arbeitend
Gestern haben wir sie beerdigt auf dem Alten Friedhof in meinem Heimatdorf. Endlich hat sie ihren Platz wieder neben ihm gefunden. Fast 50 Jahre nach dem Tod meines Vaters ist sie ihm gefolgt.

Bis dahin hat sie alles allein geschafft: vier kleine Kinder großgezogen, ein Geschäft geführt, ein großes Haus gebaut. Ich kenne meine Mutter nicht anders als arbeitend. Oder an Arbeit denkend. Nur in der Sonntagsmesse oder beim Mundharmonikaspielen konnte sie schon mal die Zeit vergessen. Und beim Fotoalbengestalten an dafür frei gehaltenen Abenden.

Meine Mutter hat immer gut funktioniert. Hätte sie das nicht, wären wir wohl im Heim gelandet. Das war die größte Angst von uns Kindern. Wir gaben unser Bestes, sie zu entlasten: den Flur wischen, den „Spül“ machen, und ich spitzte die Ohren für ihre Sorgen.

Mit fünf Jahren durfte ich aus dem Kinderbett ins leer gewordene Bett meines Vaters wechseln. Meine Mutter und ich wurden ein gutes Erziehungsteam. Sehr früh teilte ich mit ihr die Besorgnis über schlechte Schulnoten meiner älteren Brüder oder die anhaltende Grippe meiner jüngeren Schwester.

Erlösung von einer Überlast
Auf den Fotos meiner Kindheit sehe ich in mir eine kleine Erwachsene, sehr einflussreich. Aber einsam und heillos überfordert. Ich wünschte mir einen neuen Vater herbei, der mich entlasten sollte. Aber meine Geschwister, dazu von meiner Mutter befragt, bevorzugten die vaterlose kleine Gesellschaft. Und meine Mutter blieb Witwe.

Bis gestern, jedenfalls ist das mein Gefühl, als ihr Sarg neben dem Grab meines Vaters seinen Platz fand. Wie wieder vereint fühlte sich das an. Für mich gut und richtig und unglaublich erleichternd. Eine Erlösung noch als Erwachsene von einer längst vergangenen, doch lebhaft erinnerten Überlast.

Drei Tage ohne meine Mutter. Und ich spüre eine neue Leichtigkeit nach diesen schweren Wochen des Abschieds. Wir haben es gut gemacht, sie und ich. Ich fühlte mich früh von ihr erkannt darin, viel (er-)tragen zu können. Darin sehr gefordert. Auch überfordert, wie gesagt. Am Ende jedoch bereichert.

Selbstverlust und Selbsterfahrung
Die Erfahrung der Überforderung war der Ausgangspunkt für meine heutige Arbeit. Über die eigenen Grenzen gegangen zu sein hat mich das Leiden gelehrt. Den Selbstverlust durch bloßes Tun. Hat mich aber auch zur Arbeit an mir selbst angetrieben. Mich ihr geöffnet und so für Möglichkeiten seelischer Verarbeitung sensibilisiert, die Stroh zu Gold spinnen lässt. Leid in Glück verwandelt. Fluch in Segen.

In meinen Jahren der Weiterbildung zur Supervisorin war etwa neben der Wissensaneignung über Organisationsdynamiken auch die Selbsterfahrung verpflichtend. Welch ein Glück, dort professionelle Formen therapeutischer Aufarbeitung als Hilfestellung entdecken und für mich so gewinnbringend nutzen zu können. Die verletzten Grenzen heilen zu dürfen. Und das Beste aus dieser „Selbst-Arbeit“ herauszuholen, indem sie mich darin unterstützt hat, die Erfahrungen meiner Kindheit besser zu verstehen und zu verzeihen, wo es nötig war.

Unmögliches möglich werden lassen
Meine Mutter war eine sehr religiöse Frau. Und ihrer tiefen Volksfrömmigkeit verdanke ich womöglich das Wichtigste, was ich habe: die Kraft, daran zu glauben, dass Unmögliches doch möglich ist. Schließlich besaßen die Heiligen meiner Kindheit Wundmale Christi. Und schließlich war das der Beweis für die Wunder der Bibel. In ihrer beinah störrischen Gläubigkeit war meine Mutter davon überzeugt, dass es ihr auch ohne Geld gelingen würde, das Haus zu bauen, von dem sie träumte.  

Diese visionäre Kraft, verbunden mit einer guten Portion Wut darüber, zu früh von ihrem Mann verlassen worden zu sein, befähigte sie später dazu, es sich selbst und der Welt zu beweisen. Sie erwirtschaftete die Mittel und baute das Haus auch ohne ihren Mann, der, als Soldat im Krieg schwer verwundet, 1964 als Spätfolge einem Herzinfarkt und Schlaganfall erlag. Ein Mann, schwer traumatisiert und ohne Ehrgeiz, der ihm in den Gefechten an der russischen Front irgendwie abhandengekommen war und ihn als Träumer hatte heimkehren lassen. Anders aber als meine Mutter träumte er von freien Stunden auf der Wiese, den Blick in die Wolken gerichtet. Sie dagegen hatte alle Sinne längst auf ein schönes Zuhause für die Familie ausgerichtet.

Sein Tod beendete den Konflikt zu ihren Gunsten, in gewisser Weise. Neun Jahre danach, 1973, zogen wir aus einem alten kleinen Haus in das geräumige neue Haus. Hinter uns lagen Jahre absoluter Disziplin, geprägt von Fleiß, Ehrgeiz und Sparsamkeit. Jahre, die mir die Träume als Zufluchtsort eröffneten, wo ich meinen ganz eigenen Vorstellungen von Leben nachging. Entschieden, diese später genauso Wirklichkeit werden zu lassen, wie meine Mutter es geschafft hatte, ihren Traum von einem großen Haus zu verwirklichen.

Um meinen Lebenstraum realisieren zu können, erbte ich von meinem Vater die Fähigkeit, zu überleben und zu träumen. Meiner Mutter verdanke ich meine musischen Gaben und den Glauben daran, das Unmögliche möglich machen zu können.

Konzentration auf Wesentliches
Nun bin ich 54 und endlich erwachsen, so fühlt es sich an. Im Sinne einer neuen Ordnung rücke ich nun einen Schritt weiter nach vorn. Wo mir meine Mutter den Tod bisher zumindest imaginär vom Leibe gehalten hat, ist mir diese Illusion mit ihrem Sterben endgültig zerplatzt. Jetzt bin ich dran, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, auch wenn ich noch auf ein paar Dekaden guten Lebens hoffe.

Mir steht der Sinn danach, immer mehr vom Komplexen zum Einfachen zurückzukehren. Statt zehn Paar Schuhe zwei zum Wechseln. Statt zwölf Media-Accounts nur vier: die Homepage als virtuelles Zuhause, meinen Coaching-Blogger zum Schreiben, meinen Twitter-Account für schnelle Infos, Haikus und Koans – und demnächst immer mal wieder gewisse Zeit-/Räume für inspirierende Gespräche im Hangout von Google+.

Träumen als Ressource
Über das Sterben könnten wir sprechen. Und wie das gefühlte Wissen um dessen Unabänderlichkeit unser Denken und Handeln verändert. Wie diese Gewissheit uns freier machen kann, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, und das zu tun, was wir wirklich wollen.

Das hat mit meinem Lebenstraum zu tun, das Träumen selbst als wegweisende Ressource wieder stärker in unser aller Leben einzubinden, persönlich und beruflich. Es geht mir darum, das arme Denken zu entlasten, arg einseitig beansprucht. Die Intuition dagegen fristet seit Beginn der Neuzeit ein Schattendasein: seitdem auf den Scheiterhaufen Europas die weibliche Kraft des Ahnens und Fühlens verbrannt wurde und in die gesellschaftlichen Hinterstübchen verbannt.

Dieser Schatten fordert seinen Preis: Das Denken allein löst die Probleme nicht, es scheint viele erst zu schaffen. Mit der Intuition und dem Fühlen ist auch die Ruhe verschwunden, das Gefühl der Zugehörigkeit zu allem, was uns umgibt. Mit dem Denken allein haben wir uns von all dem getrennt und einsam gemacht.

Der Traum vom einfachen Leben, einmal weggesperrt, wird zum Wahn. Zu glauben, nur die vielen Dinge würden den Hunger in uns stillen und die ersehnte Ruhe bringen, ist so einer.

Der Traum vom Vertrauen in das Leben, einmal verdrängt, wird zur Todesangst.

Es ist an der Zeit, das Denken wieder mit dem Ahnen zu verbinden, dem Funktionieren das Fühlen zurückzugeben und so den großen Schatten zu erlösen!


PS: Ich höre meine Mutter „Still“ sagen. Ich glaube, es reicht für heute. Die Stille-Übung jedoch, das ahne ich, ist eine der großen, mir darum womöglich auch für die letzten Jahre vorbehalten. Bis dahin werde ich wohl weiter plappern.



Literaturempfehlungen:
Gian Domenico Borasi: Über das Sterben. München: C.H. Beck 2012
Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe. München: Kunstmann 2010
Judy und Bill Guggenheim: Trost aus dem Jenseits. Frankfurt am Main: Fischer 2008
Dorothee Sölle: Mystik des Todes. Freiburg: Herder Verlag 2013
Rosina Sonnenschmidt: Exkarnation – Der große Wandel. Berlin: Verlag Homöopathie + Symbol 2012
 

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