Rente unter 1.000 Euro, aber plötzlich reich?
Der Anlass: Die Jugend geht auf die Straße, jetzt auch bei uns, womöglich mit Randale, wenigstens ordentlich Remmidemmi. Bessere Bildung auch für Bafög-Empfänger & Co., mehr soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, Kampf gegen Rassismus und Sexismus. Kann ich alles unterschreiben und soll was dazu aus der Perspektive der Boomer schreiben. Dafür bleibt mir bis zum Redaktionsschluss eine Stunde. Prima, denke ich, ich bin ja erfahren, da geht was — prinzipiell. Wie gewünscht unterhaltsam und gehaltvoll zugleich.
Wie‘s beliebt! Gäb‘s da heute nicht gleich zwei Hindernisse: ein faktisches und ein moralisches. Also, faktisch hat sich mein Mann gewünscht, dass ich die Gartenbank, ein ihm liebes Outdoor-Möbel, auf jeden Fall noch heute Vormittag streiche. Grund: Morgen gibt‘s Sonne und Besuch. Da soll die Bank schön und der Anstrich trocken sein. Kostet mich Minimum eine halbe Stunde inklusive Streichen. Dann das Moralische, worüber ich mir ja beim Streichen Gedanken machen kann. Titel: Plötzlich reich, was nun? Wie bring‘ ich den für mich gefühlt tatsächlich unverhofft neuen Umstand, reich zu sein, mit diesem Thema zusammen.
Mit der Verwaltung überschaubarer Mittel kenne ich mich Zeit meines Lebens bestens aus. Das habe ich als Politologe mit exzellentem Staatsexamen für Lehramt nach dem Studium in der „real world“ ausgiebig lernen dürfen. Außer mir gab‘s noch reichlich anderes geistig-wissenschaftliches Personal, das wie ich auf Lehrer machen wollte. Dumm nur, dass es keine freien Stellen mehr gab, als ich so weit war. Und die Perspektive war mau, denn eins war klar, die würden sich alle verbeamten lassen und wären für den Rest ihrer irdischen Existenz fein raus. Unkündbar und danach die Top-Pension.
Meine Bezüge aus der Rentenkasse werden sich in Grenzen halten. Gestern gab‘s den finalen Rentenbescheid: unter tausend Euro. Das weckt sicher keinen Neid unter heutigen Jugendlichen.
Wie konnte das passieren als Boomer?
O.k., ich hätte versuchen können, was Anderes als Journalist zu werden. Denn schreiben konnte ich schon immer gut, und wie mein Mann an der Stelle schon mal gern anmerkt, wusste ich auch immer schon bestens Bescheid. Nur leider gab‘s auch für Besserwisser in den Redaktionen keine festen Stellen mehr. Also blieb mir nur die freie Schiene.
Aber Leute, so viele Zeilen kannst du gar nicht schreiben, wie es braucht, um mit 2 DM FAZ-Zeilenhonorar (und das war die Top-Entlohnung unter uns Tagelöhnern!) über die Runden zu kommen. Geschweige denn eine satte Alterssicherung hinzukriegen. Will sagen, ich hatte anderweitig Glück, sonst wäre ich ja jetzt nicht reich, zumindest in meinen Augen.
Mein Mann hatte es nämlich besser getroffen als Sozialarbeiter. Er hat es geschafft, sich über Jahre von Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM genannt) zu ABM zu hangeln. Und das, Leute, das war die Voraussetzung für ein Darlehen. Und das Darlehen war das, womit er seine erste Wohnung gekauft hat. Und die hat er dann über Jahre mit seinem – nun ja – auch überschaubaren Salär abgestottert.
Als das geschafft war, schlug ihm die Gunst der Stunde. Nach der Wende fand er für uns ein Haus mit kleinem Garten. Als schwule Männer gab es für uns zu einem urbanen Leben keine Alternative. In den Achtzigern und Neunzigern kannten wir das Landleben nur von Freunden, die sich zu uns nach Berlin träumten. Und auch diesmal spielte die Bank mit, da mein Mann ja nachweisen konnte, „fest“ beschäftigt zu sein.
Als Freier wäre mir das niemals möglich gewesen, da ich keine Sicherheit vorzuweisen hatte. Auch da nicht, als ich bereits das Seminargeschäft kennengelernt hatte als lukratives Geschäftsfeld. Über die Einnahmen gelang es mir nicht nur, mich an den Darlehensabtragungen zu beteiligen. Ich konnte mir zudem durch vereinzelte Aktienkäufe nach und nach ein solides Depot zulegen. Den finanziellen Grundstock, um am Lebensabend nicht arm zu sein.
Was über die vielen Ausgaben und Ansparungen hinaus übrig blieb, reichte zum Leben. Zusammen kamen wir ganz gut klar. Machten auch die eine oder andere Reise. Nutzten konsequent öffentliche Verkehrsmittel und sparten auch so – in unseren Augen – unnötige Autoanschaffungs-, Reparatur- und Versicherungskosten. Ein stattliches Sümmchen, wie ich von Freunden wusste, die sich anders als wir für den Privattransport entschieden hatten.
Da die Zeit drängt, bringe ich aber jetzt die Sache mal auf den Punkt. Rente und Rendite aus Aktien erlauben ein sorgenfreies Leben. Dazu kommt aber nun der Verkauf der Wohnung meines Mannes, die mit einer stattlichen Summe zu Buche schlägt. Jetzt bin und fühle ich mich reich. Was also tun, jetzt, wo die Jugend auf die Straße geht und demonstriert? Was sage ich denen?
Wir haben uns durchgeschlagen. Kämmt uns Boomer nicht alle über einen Kamm, bitte. Gönnt uns die Freude, als Schwule inzwischen (oder noch?!) einigermaßen unbehelligt leben zu können. Freut euch mit mir, dass wir aus dem Nichts heraus unseren Weg gemacht haben. Und ja, kämpft für eure Rechte und Teilhabe! Noch jedes soziale und emanzipatorische Recht musste erkämpft werden.
Die angefragte Kolumne werde ich nicht schreiben, heute nicht. Bei mir kommt es langsam an, dass ich mir meine Kreativität nicht mehr so günstig abkaufen lasse. Ich steuere auf die 70 zu und will nur noch frei fabulieren. So wie hier, so wie jetzt! Und in Ruhe die Gartenbank streichen!

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