Durch Fehlermachen freie Zeit gewinnen

Eine zufällige Stunde, ein kurzer Roman, ein großes Thema: Ernaux zeigt, wie Begehren, Klasse und Erinnerung ineinandergreifen – und wie Freiheit manchmal im kleinsten Zeitfenster aufscheint.

Ich war pünktlich auf die Minute zum Termin erschienen. Schade nur, dass ich ihn nicht bestätigt hatte – was nötig gewesen wäre. Den entsprechenden Hinweis hatte ich in der Mail übersehen, die auf meine Terminanfrage hin bei mir eingetroffen war.

FREIZEIT

Unverrichteter Dinge fand ich mich anschließend in einer freien Stunde wieder. Und wie es der Zufall wollte, hatte ich einen Roman eingesteckt. Bei einer Tasse Cappuccino in einem schönen Café saß ich nun zufrieden da und genoss Getränk und Lektüre.

Als die Stunde um war, war ich auch mit dem Roman durch. Großartig, wie es der Autorin gelungen war, auf 40 Seiten zu bündeln, wie sie im Rückblick die Beziehung zu einem dreißig Jahre jüngeren Mann noch einmal durchlebt.

Die unverhohlenen Blicke, die sie trafen, wenn sie Hand in Hand mit ihrem Geliebten am Strand flanierte. Das wirke offenbar noch „anstößiger als ein homosexuelles Paar“, bemerkt der junge Mann.

Neben seinem Gesicht, schreibt die Autorin, sei auch ihres jung gewesen. Männer wüssten das seit ewigen Zeiten.

ARMUT

An ihrem Geliebten beobachtete sie „die Reflexe und spontanen Gesten, die von einem dauerhaften, ererbten Geldmangel herrühren. Er kannte alle Tricks, um im Alltag über die Runden zu kommen. (…). Er spielte jede Woche Toto und erwartete, wie es selbstverständlich ist, wenn man in Armut lebt, alles vom Zufall.“

In ihm begegnete sie ihrer eigenen Herkunftsgeschichte. Bei diesem jungen Mann, der ihr „mit einer Leidenschaft begegnete, wie ich sie mit vierundfünfzig Jahren noch bei keinem Mann erlebt hatte.“

Das Gefühl der Proletin, das sie aus der Beziehung mit ihrem Mann kannte, wich hier dem der souveränen Bildungsbürgerin. Die war sie geworden, wenngleich noch immer vertraut mit den alten Kränkungen.

FREIHEIT

Je näher die Jahrhundertwende rückte, desto klarer sah sie, „dass meine Erinnerungen an die Zeit vor seiner Geburt im Prinzip das Gegenstück, die Kehrseite der Zeit waren, die nach meinem Tod seine Zeit sein würde …“. Er sah ein altes Foto von ihr als junger Frau und sagte: „Dieses Foto macht mich traurig.“

Sie begann zu schreiben – an einem lange verheimlichten Thema, das ihre ganze Aufmerksamkeit forderte. Je mehr sie darin aufging, desto stärker distanzierte sie sich von ihm, um schließlich „allein und frei ins dritte Jahrtausend einzugehen“.

REICHTUM

Wie ich das Buch ausgelesen neben die leergetrunkene Tasse Kaffee lege, spüre ich Stolz und Freude zugleich. Stolz, nach langer Zeit wieder eine Art Roman gelesen zu haben. Oft reicht die Zeit und Muße nur für Fachliches und Tagesaktuelles.

Und Begeisterung darüber, wie wenige Seiten genügen können, um ein Buch zu publizieren. Eines, das dann auch noch als gebundene Ausgabe reichlich Absatz findet. Mit 82 Jahren war es Annie Ernaux gelungen, selbst in Publikationsfragen neue Standards zu setzen.

Dazu brauchte es ein Leben der vollständigen Hingabe an die Notwendigkeit, die Zumutungen der Armut aus ihrer, aus Frauensicht umfassend zu beschreiben. Und die Zerrissenheit, die es bedeutet, in eine andere Klasse aufzusteigen.

Für sie eine Quelle immer neuer Ausführungen – geschaffen, um uns Mut zu machen, wir selbst zu sein, unter allen Umständen.

 

PS: Armut, Sprache & Zeit

Natalie Deissler-Hesse: Armutssensible Sprache. Über eine Chance, Wirklichkeiten mitzugestalten

Annie Ernaux: Der junge Mann

Theresa Bücker: Alle Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit

Thomas Piketty:  Eine kurze Geschichte der Gleichheit

Dazu ein DLF-Beitrag: Ungleichheit

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