Der mit dem Wort tanzt. Und dann die Stille

Das letzte Gespräch (Foto: #Morrien / New Jersey 2013)

Der mit dem Wort tanzt. Und dann die Stille / Hommage an Norbert Schulz-Bruhdoel (+2023). Birgitt Morrien erinnert sich an einen liebevollen Menschen, an einen enzyklopädischen Geist, ambitionierten Koch und begnadeten Schreiber. Er war ihr Freund und Lehrer, dem sie viel zu verdanken hat.

 

Birgitt E. Morrien

Der mit dem Wort tanzt. Und dann die Stille

Wir hatten den schönsten Platz ergattert. Direkt am Fenster mit Blick auf die Stadt. Den Dom vor Augen. Ein grandioser Ausblick, der uns einlud, auch in unserem Gespräch große Kreise zu ziehen. Es sollte unser letztes sein.

 

Ein enzyklopädischer Geist

Zwischen unserer ersten Begegnung und diesem freundschaftlichen Miteinander liegen 30 Jahre. Am Anfang stand die Begeisterung für einen Dozenten, der stundenlang erzählen konnte. Nicht, dass ich noch wüsste, worüber er in den Tagen meiner fast zweijährigen Weiterbildung sprach, die ich an der Fortbildungsakademie des Instituts der deutschen Wirtschaft absolvieren durfte, um das Handwerk des Journalismus zu erlernen.

Aber ich erinnere mich an sein verschmitztes Lächeln und seine tiefe Liebe zum Wort. Mit dieser Haltung hat er uns alle erreicht. Er breitet seine enzyklopädischen Flügel aus und nimmt uns mit an längst vergangene Orte der Geschichte. Zu kühnen Reden, die uns zeigen, wozu Sprache fähig ist. Was sie bewirken kann und warum es Übung braucht, um sie gekonnt einzusetzen. Und üben ließ er uns, fleißig!

Von den Lehrenden blieb vor allem Norbert mir in Erinnerung, und wir hielten losen Kontakt. Etwa 10 Jahre nach Abschluss der Ausbildung sahen wir uns wieder häufiger. Ich hatte noch einmal umgesattelt und mich als Beraterin selbständig gemacht, um Menschen an beruflichen Wendepunkten zu helfen, Richtungsklarheit zu gewinnen. Er inspirierte mich, darüber Bücher zu schreiben.

 

Der mit dem Wort tanzt

Vor einigen Jahren konnte ich ihn noch einmal dazu bewegen, die Textarbeiten für die damals neue Praxis-Homepage zu übernehmen. Ein großes Glück, denn seine Gabe, auch komplexe Zusammenhänge auf einfache Weise klar und verständlich zu vermitteln, ist einzigartig. Nur vereinzelt habe ich in den Folgejahren Änderungen vorgenommen. Einige Ergänzungen waren notwendig. Im Kern aber überzeugen mich die Texte unverändert.

Wie gute Medienkommunikation gelingt, wusste er auch in seinen Publikationen anschaulich zu vermitteln. Seine vom FAZ-Institut herausgegebene PR- und Pressefibel ist in der Medienwelt zu einem Klassiker geworden. Wohl auch, weil hier das breite Spektrum des studierten Historikers und Juristen durchschimmert. Als Universalist öffnete er sich interdisziplinären Perspektiven.

Während der Corona-Krise, als mich so manche skurrile Nachricht erreichte, bat ich ihn gelegentlich um argumentative Schützenhilfe. Er war inzwischen im Ruhestand und half mir gerne. Kaum hatte ich ihm meine Fragen gemailt, erhielt ich auch schon seine Antwort: faktenbasierte Leitfäden, dank derer ich so manchen Unsinn widerlegen konnte. Welch ein hilfreicher Segen in meinem Berufsalltag!

 

Mit Mut und Schürze

Unsere Treffen erweiterten sich punktuell auch um unsere Partner*innen und einige Freund*innen. Was für ein wunderbarer Gastgeber: Da steht er am Blauen Stein, einem großen ovalen Marmortisch in seinem Zuhause. Steht da in seiner Kochschürze und versteht es, jeden der oft sieben Gänge eines Menüs so genüsslich anzukündigen, dass uns allen schon beim Zuhören das Wasser im Munde zusammenläuft.

Bereits beim ersten Kennenlernen an der Wirtschaftsakademie erzählte er uns gelegentlich von seinen kulinarischen Vorlieben. Und machte auch vor dem Privaten nicht Halt. So wie die Kollegin ganz selbstverständlich ihren Mann erwähnte, der beim Frühstück dies oder jenes zum Besten gegeben hatte, so tat es auch Norbert: Seinen Mann zu verleugnen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

Das war Anfang der Neunziger noch ein gewagter Schritt, auch unter Kreativen, für die wir uns hielten. Über das offizielle Curriculum hinaus lehrte er mich, mutig zu sein und mich als die zu zeigen, die ich bin. Opportunismus, so begriff ich, ist keine Option für freiheitsliebende Geister. Zwar war auch ich längst „out“, musste mich aber noch nicht im Berufsalltag bewähren, für den ich in ihm ein Vorbild gefunden hatte.

 

Förderer und Vorbild

Ihm zuzusehen hat mich gelehrt, was kreative Selbständigkeit bedeutet, bietet und fordert: Den Kern in sich zu entdecken und ihn professionell zu ummanteln. Als natürliches Redetalent, weithin geschult, stand er jahrzehntelang vor Gruppen, unterrichtete und inspirierte zahllose Multiplikator*innen der Kommunikations- und Medienbranche. In einem umfassenden Sinne war er ein Öffentlichkeitsarbeiter geworden:

Er lehrte mich zugleich das Medienhandwerk und die Möglichkeit, beruflich erfolgreich zu sein – auch als offen schwul lebender Mann in einer damals in weiten Teilen noch viel homophoberen (Berufs-)Welt. Es würde auch mir möglich sein, so erkannte ich, mich meinen Begabungen zu stellen und sie mir zur Aufgabe zu machen: als Frau und queere Bildungsaufsteigerin beruflich erfolgreich meinen Weg zu gehen.

Es galt, Zivilcourage und Erfolg zu verbinden: Bei unserem letzten Treffen nahm er meine Hände und wärmte sie. So hatten wir noch nie beisammen gesessen. Ich fühlte mich zutiefst von ihm angenommen. Wie von einem älteren Bruder, der mir vorausgegangen ist. Wir würden uns immer wiedersehen, wusste ich da, wir würden immer verbunden bleiben.

 

Ein Reisender ohne Ziel

Wie auf seinen Reisen, von denen er mir immer wieder mal spannende Anregungen schickte: „Heute war der Dogenpalast dran und eine Ausstellung dort mit Gemälden und Zeichnungen von Vittorio Carpaccio. Ein Zeitgenosse von Leonardo da Vinci und genauso genial. Das Gericht Carpaccio wurde nach ihm benannt, weil er ein besonderes Rot verwendete, das frisch geschnittenem Rindfleisch gleicht“.

„Danke“, antwortete ich. „Wir sehen uns gerade Elizabeth Price in der Frankfurter Schirn an. Die britische Videokünstlerin macht den Wandel des Digitalen sichtbar. Ihre Rauminstallationen empfinde ich als absolut zeitgemäße Art, Kunst zu gestalten.“  Darüber, wie sich die Dinge verwandeln, sei es in der Küche, sei es in alter oder neuer (Medien-)Kunst, darüber tauschten wir uns aus.

Während Norbert nun seine Reise ohne Ziel angetreten ist, folge ich seinem letzten Buchtipp: „Diva – Eine etwas andere Opernverführerin“ von Barbara Finken. Wahrscheinlich sollte sie ihm helfen, mir seine Opernleidenschaft näherzubringen. Es gibt nicht nur die toten Frauenfiguren, scheint er mir sagen zu wollen: Schau hin, jenseits all deiner Vorbehalte ist noch so viel anderes möglich auf der Bühne / des Lebens  … schau hin!

 

Süddeutsche Zeitung 22./23. Juli 2023 (Anzeigenlink folgt)

 

PS: Wie Norbert mich beschrieben hat: Ziemlich exzentrisch ist sie schon. FAZ-Medienexperte über Birgitt Morrien (coaching-blogger.de)

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