Der Dasitzer – Nach dem Beben die Ruhe

Dan D. Pfeiffer

Dan D. Pfeiffer


Sterben

Wenn ich sterbe,
Dann tu ich das selber,
Niemand tut es für mich.
Wenn es soweit ist,
Dann sag ich:
„Mensch, stell mich hin.“
Und dann guck ich rum.
Und dann lach ich.
Dann fall ich hin
Und bin tot.*

 

Ich bin nicht tot, ich lebe!

Kurz vor dem Unfall hatte ich zufällig von ihr erfahren. Im Flieger auf dem Weg von einem beruflichen Termin in Lissabon zurück nach Frankfurt las ich in einem Kunstmagazin von einem dreißig Meter hohen Riesenei aus Kalksandstein, das vor dem Kölner Dom aufgestellt werden sollte. Das zum Artikel veröffentlichte Foto fand ich bestechend, sodass mir der Eindruck haften blieb. Irgendwo in mir haften blieb, wie auf Abruf hinterlegt. Samt dem Namen der Künstlerin, die der Stadt dieses außerordentliche Geschenk machen wollte.

Im Koma, in das ich nach dem Unfall fiel, sah ich das Ei wieder und mich mitten darin, wie ich in einer frühlingsgrünen Masse schwamm. Vollkommen glücklich und sicher, beizeiten als wunderbarer Vogel dieses behagliche Zuhause zu verlassen. Schon im Traum selbst fand ich es besonders, das Ei zugleich von außen zu sehen und mich drinnen als sich entwickelnden Vogel zu erleben. Wie ich hineingeraten war und auch welche Art Vogel ich werden wollte, schien mich überhaupt nicht zu interessieren in meinem Daseinsglück.

Drei Monate später, die sich rückblickend eher wie drei Stunden anfühlen, wachte ich – sehr langsam – auf und kam mir selbst fremd vor, als sähe ich in die Augen eines mir unbekannten Menschen. Meinem Bewusstsein gelang es erst einmal nicht, zu begreifen, wo ich war und was mit mir geschehen war. Die Erinnerung setzte nach und nach wieder ein, schrittweise, gerade so, dass ich es verkraften konnte. Die Natur ist mitunter gnädig mit uns, wenn schreckliche Dinge geschehen, indem sie uns für eine Weile ins totale Vergessen schickt.

Was geschehen war

In einer dieser plötzlichen Erinnerungen sehe ich mich deutlich aus dem Sender kommen. Einen Tag nachdem mir ein Preis für mein jüngstes Buch verliehen worden war. Es geht darin um Möglichkeiten der Traumabewältigung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Gewalt erfahren haben. Ich bin leicht panisch, weil ich glaube, einen großen Fehler gemacht zu haben. Als Psychologe und Autor habe ich im TV-Interview mehr Persönliches zum Thema meines Buches gesagt, als ich geplant hatte.

In „Plauderstimmung“ gebracht hatte mich eine nach und nach stärker in mir aufkochende Wut auf die katholische Kirche durch das sich jüngst deutlicher abzeichnende riesige Ausmaß von Machtmissbrauch durch Priester. Ich selbst bin als Heranwachsender von einem Pfarrer der damaligen Gemeinde, zu der ich gehörte, über Jahre sexuell missbraucht worden. Diese Erfahrung habe ich jahrelang verschwiegen, doch später parallel zum Studium in einer länger dauernden Traumatherapie bearbeitet.

Befragt nach meiner Haltung zu dieser Entwicklung sprach es in der Sendung plötzlich aus mir heraus, und ich gab mich als selbst von sexualisierter Gewalt betroffener Mann zu erkennen. Der Moderator war kompetent und gleichzeitig sensibel insistierend, sodass ich nach der ersten Selbstoffenbarung mehr und mehr über die Umstände des Machtmissbrauchs preisgab. Und schließlich mündete das Interview in der Frage, ob dieses Thema nun der Schwerpunkt meiner psychotherapeutischen Praxis werden würde.

Ich verneinte und erklärte, dies sei eine Erfahrung, die lange zurückläge, die ich hinlänglich aufgearbeitet hätte, und ich sähe mich keineswegs als Experte speziell sexualisierten Machtmissbrauchs. Ich würde alle psychologischen Fragen in meiner Praxis beraten, die mit Machtmissbrauch gegenüber jungen Heranwachsenden zu tun hätten. Auch zukünftig plante ich kein Fokussieren des Themas, wenngleich ich dieses als besonders perfide Form der Gewalt gegenüber jungen Menschen erachtete.

Vom Profi zum Patienten

Der Moderator nickte und bekundete sein Bedauern mir gegenüber, eine so schlimme Erfahrung gemacht zu haben. Und ich spürte, er sah in mir das Opfer, das Mitgefühl verdiente. Eine arme Figur, die sich in einer derartigen Ohnmacht hatte erleben müssen, einem ihr in jeder Hinsicht überlegenen Mann vollkommen ausgeliefert. Manipuliert zudem in einer Weise, die ihm diese Missbrauchspraxis über Jahre ermöglichte. Die Konfrontation mit einem akuten Kontrollverlust dieser Art überforderte den Moderator. Plötzlich schien ich für ihn vom Experten zum Patienten mutiert.

Ich spürte seine latente Angst und seinen unwillkürlichen Impuls, mich abzuwehren, um nicht zu stark mit einem Gefühl in Berührung zu kommen, das in jedem Menschen womöglich mehr Angst auslöst als alles andere: die Erfahrung von Ohnmacht. Er erschien mir zutiefst verunsichert und ruderte nun die letzten Minuten des Gesprächs einigermaßen hilflos voran. Ich wusste, ich hatte den bis dahin kapitalsten Fehler meiner Karriere gemacht. Ab sofort würde ich als Betroffener sexualisierter Gewalt thematisch auf diese Erfahrung reduziert. Eine Art ungewolltes Alleinstellungsmerkmal.

Schon beim Verlassen des Senders las ich die Nachricht eines Freundes, der mir zu meiner Courage gratulierte. Aber auch die Frage eines Kollegen, ob meine „Mitteilsamkeit zu einem so kritischen Thema“ womöglich ein „professioneller Fehler“ gewesen sei. Er dachte, was ich dachte, dieses Wissen um einen persönlichen Umstand dieser Art kann auch geschäftsschädigend wirken. Da es aber „spontan passiert“ war, hatte ich die Folgen nicht strategisch abgewogen.

Es war die von mir vermutlich heimlich schon lange ersehnte Gelegenheit, mich dem Schweigegebot der Kirche nicht länger zu unterwerfen. Eine unter zahllosen Institutionen, die diese Form der Gewalt lange kultiviert und gedeckt hat und diese nur sehr langsam und unter großem öffentlichem Druck aufarbeitet. Dennoch schwankte ich zum Auto, aufgeregt, ja mehr noch angsterfüllt gegenüber dem, was nun kommen würde. Und in dieser Art Angsttrance lotste ich den Wagen Richtung Autobahn …

Der Schlag von rechts

Nur aus dem Augenwinkel bemerkte ich einen schwarzen Schatten auf mich zurasen und war unfähig, das Steuer binnen dieser Sekunde umzulenken — da knallte es schon, und ich schwebte plötzlich oberhalb vom Unfallort. Ich sah alles ganz genau. Den schwarzen Porsche, der mich von rechts gerammt hatte. Mich sah ich blutend und irgendwie verknotet vorne am Lenkrad. Die nur wenige Minuten später eintreffenden Rettungsfahrzeuge auch. Dann ging alles wie in Zeitlupe und ich sank in ein tiefes Vergessen.

Seit dem Aufwachen sind bereits drei Jahre vergangen und ich staune, wie sich die Dinge in der Zwischenzeit gefügt haben. Angefangen damit, dass ich über physiotherapeutische Anstrengungen hinaus auch psychotherapeutisch an mir weitergearbeitet habe. Die Befürchtung eines Hirnschadens hat sich erledigt. Alle Erinnerungen sind wieder da und ich recherchierte anschließend die Künstlerin, die mich mit ihrem Riesenei am Kölner Dom zu meinem Koma-Vogeltraum inspiriert hatte.

Erst da fiel mir wieder ein, dass ihre Schenkung die Erinnerung an ein massenhaftes Verbrechen an der Kathedrale wachhalten soll, wo Hunderte Frauen der sexualisierten Gewalt von Gruppen junger Männer ausgeliefert gewesen waren. Zwar steht das Denkmal erst digital auf der von ihr in Auftrag gegebenen Internetdomain (eiei.art), doch wirkte es auf mich bereits virtuell sehr stark. Meine Recherche machte mich zudem darauf aufmerksam, dass sie sich mit dem Thema befasst hatte, ohne dass dieses Thema der Schwerpunkt ihrer Arbeit war.

Doch erst als ich herausfand, dass sie neben ihrer künstlerischen Arbeit auch als persönlicher Coach und als Autorin arbeitet, entschied ich, ganz konkret Kontakt zu ihr aufzunehmen. Auch, da sich inzwischen gezeigt hat, dass sich zwar mein Buch hervorragend verkauft, ich jedoch wie befürchtet einen deutlichen Einbruch an psychotherapeutischen Anfragen zu verzeichnen habe. Zwar bin ich wirtschaftlich versorgt, doch verunsichert, denn mich beschäftigt die veränderte Anfragesituation, weil ich diese als eine Erfahrung des „sozialen Ausschlusses“ empfinde bzw. erlebe.

Unterstützung weist den Weg

Glücklicherweise weiß ich mich von meinem Mann und guten Freund*innen stark unterstützt, was mir jene stabile Rückendeckung gewährleistet, ohne die ich diese als neuerliche Ohnmacht erlebte Erfahrung kaum so gut „wegstecken“ würde. Schließlich befand ich mich durch das Ausbleiben der Neuanfragen als freiberuflicher Psychotherapeut zunächst in der misslichen Lage, nicht zu wissen, was ich tun kann. Wer sich nach mir erkundigt, wird automatisch zu dem tausendfach angeklickten TV-Interview geführt, das den Stein ins Rollen brachte.

Den frühen Kollegenhinweis auf den „professionellen Fehler“ musste ich zwar als richtig anerkennen, insofern es Einbußen gibt, doch stehe ich nach wie vor hinter mir. Tatsächlich bedaure ich es in keiner Weise, diesen Schritt gemacht zu haben. Menschlich war es absolut richtig, mich dem Dogma des Verschweigens eines solchen Unrechts nicht länger zu unterwerfen. Ich fühle mich befreit von einer schweren Last, als die ich das Verschweigen über all die Jahre empfunden habe. Ähnlich dem Verschweigen meiner schwulen Identität in früheren Jahren.

Im Coaching mit der Kölner Künstlerin gelang es mir schließlich, meinen kognitiv verengten Geist durch gelenktes Tagträumen zu überwinden. Wie seinerzeit über dem Unfall schwebte ich nun dank ihrer sensiblen Führung über die eng gesteckten Grenzen meiner bisherigen Möglichkeiten hinaus. Ich erlebte einen Freiraum, der sich aktuell vor mir auftut, in dem ich die Welt vollkommen neu entdecke. Auch vergessene Wünsche sind hier wieder aufgetaucht, etwa der des gemeinsamen Singens in einem Chor.

Mein Coach fragte mich während des Schwebens nach den Farben des sich neu öffnenden Raums. Es waren die Farben des Regenbogens, die sich da auftaten. Im weiteren Coaching zeigte sich mir, dass ich die kommenden Monaten zu einem Sabbatjahr erklären wollte, um den sich abzeichnenden unterschiedlichen Interessen nachzugehen, für die die Farben des Regenbogens mir stehen, mich darin auszuprobieren. Ich bin nun 57 Jahre alt und erlaube mir, für diese Zeit deutlich einen Gang zurückzuschalten.

Es gilt, sich zu trauen, einfach irgendwo anzufangen, meint mein Coach. Zwar habe ich prinzipiell Vertrauen, brauche aber für einen solchen Schritt empirischen Zuspruch. Als wissenschaftlich Forschende konnte mir mein Coach mit einer Langzeitstudie zu ihrer DreamGuidance-Methode das entsprechende Material an die Hand geben. Es half mir, die Richtigkeit des Ansatzes anzunehmen, da bereits hundertfach nachgewiesen ist, dass und wie das Vorgehen funktioniert. Der erste Zugang dazu war jedoch fraglos mein Koma-Traumerleben.

Dem Aufbruch folgt der Zufall

Mir war nicht klar, wie müde ich war, bis ich nach dem Unfall ins Koma fiel. Inzwischen kann ich mir eingestehen, dass ich müde war, mir in dem Umfang der letzten drei Jahrzehnte die Sorgen anderer Menschen anzuhören, mitzufühlen und therapeutisch Rat zu weisen. Niemals jedoch hätte ich mich getraut, einen Schnitt zu machen wie den, der sich nun gewissermaßen organisch aus dem Schritt ergibt, spontan meine Anpassung an eine Schweigedoktrin aufgegeben zu haben. In der Arbeit mit meinem Coach begriff ich, dass ich mich so in doppelter Hinsicht befreit habe.

Einerseits, indem sich die Zahl der Anfragen deutlich reduziert hat und ich so mehr Zeit für mich und meine Interessen habe. Andererseits, indem ich mich gestärkt fühle durch den Mut, zu mir zu stehen — privat und öffentlich. So habe ich einen Zwiespalt in mir überwunden, was mein Coach als heilsamen Akt deutet. Ein großer Schritt zudem, sagt sie, hin auf eine in sich im umfassenderen Sinne integre Persönlichkeit. Eine solche Veränderung bedeute immer auch einen Zuwachs an Charisma.

Ich ahne, was sie meint, und bin dazu bereit und allmählich auch dazu in der Lage, mir auf dem neuen Weg mehr und mehr selbst zu vertrauen. Das Sabbatjahr brauche ich für eine neue „seelische Grundsicherung“, wie mein Coach das nennt. Dass es so funktioniert, zeigt ein Zufall, der mich verblüfft hat: Gleich bei der ersten Chorprobe stand ich neben einem anderen Bass, mir sehr sympathisch, mit dem ich anschließend noch ein Bier trinken ging. Es stellte sich heraus, er war von demselben Pfarrer wie ich zehn Jahre nach mir vergewaltigt worden.

Er hatte nie darüber gesprochen, mit niemandem, nicht einmal mit seiner Frau. Da ich offen von meinem Sabbatjahr erzählte und er das TV-Interview gesehen hatte, offenbarte er sich mir gleich in der ersten Begegnung. Aus diesem Zusammentreffen entsteht gerade eine schöne Freundschaft, und auch unsere Partner*innen mögen sich. Mehr noch, mein neuer Freund bot mir an, mich als Coach in seinem Unternehmen anzustellen. Er leitet das Recruitment eines Konzerns und sucht aktuell psychologisch qualifizierte Personal Coaches.

Ich habe mich sehr über dieses Angebot gefreut, aber ich bleibe bei meinem Entschluss, mir ein Jahr freie Zeit zu geben und herauszufinden, wozu ich mich wirklich berufen fühle. Mein Coach meint, das sei eine kluge Entscheidung. Ich denke, wir werden noch ein Weilchen zusammenarbeiten. Es macht mir einfach sehr viel Freude, mich systematisch neu zu entdecken …

 

* Leicht abgewandelt, „Fynn“ durch „Mensch“ ersetzt; zitiert aus: Fynn: Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlage, 2010

 

Der Protagonist / Autor:
Dan D. Pfeiffer (* 1967) ist Psychotherapeut und Schriftsteller. Er ist verheiratet und lebt heute unter anderem Namen in London.

 

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