Befreiungsliteratur lesen, Baerbock-Bashing stoppen, Bewusstsein erweitern

A rose is a rose is a rose (Gertrude Stein)

Birgitt E. Morrien

Der Hass auf Annalena Baerbock lehrt uns, was wir über die Karriere von Frauen wissen müssen

Im Rennen um die Kanzler*innenschaft wird es Annalena Baerbock schwerer gemacht als den Männern. Die Spitzenkandidatin der Grünen trifft auf Hass und Häme. Sexualisierte Gewalt- und Morddrohungen kursieren massenhaft in den sozialen Medien. Diese Art Angriff trifft jede Frau, die sich traut nach der Macht zu greifen. Auch seriöse Zeitungen machen mit. Beim Thema Baerbock hätten die Männer „Schaum vor dem Mund“ und wollten „endlich mal wieder eine Frau scheitern sehen, die sich wagt, was zu wollen“, so Ex-SPD Vorsitzender Sigmar Gabriel. (Deutschlandfunk: “Annalena hat es schwerer” Politisches Feuilleton | 23.08.2021)

Das Phänomen hat einen Namen: Sexismus. Wenn der führende Coaching-Verband DBVC mich einlädt, einen Vortrag über zentrale Themen meiner Arbeit zu halten, berücksichtige ich auch aktuelle Literatur zu Sexismus / Rassismus / Klassismus. Das gebietet mir meine Gesinnung: Als Demokratin und als Beratende liegen mir faire Entwicklungschancen aller meiner Klientinnen und Klienten sehr am Herzen. Um die Voraussetzungen dazu für Frauen wie Männer und LGBTIQ gleichermaßen zu schaffen, liegt noch ein Stück Bewusstseinsarbeit vor uns.

Befreiungsliteratur der hier gelisteten Art stünde mit Sicherheit auch in der Bibliothek* meiner Vorfahrin Johanna Morrien in der Ritterburg Nordkirchen. Ihre Sammlung enthielt religionskritische Titel, etwa von Ulrich von Hutten, aber auch Lehrbücher zu Astronomie und Mathematik. Die überlieferte Inventarliste gibt Aufschluss über ihre vielseitigen Interessen, denen Johanna nachging. Höchst ungewöhnlich für eine Adelige des 16. Jahrhunderts, waren doch Frauen schon Jahrhunderte zuvor konsequent von allen Bildungsinstitutionen ausgeschlossen worden.

Ein Teil der folgenden Literaturliste setzt sich aus „Fundsachen“ zusammen. Übers Jahr habe ich hier und da spannende Bücher in Händen gehalten, von gut sortierten Buchhandlungen ins Sortiment aufgenommen. Ferner auch Rezensionen gelesen, von engagierten Redaktionen berücksichtigt.

 

*Schutius, Hildegard: In diesem Kemmerken etzliche Boicher fürhanden … Die Bibliothek der Familie von Morrien, im Besonderen der Buchbesitz der Frau Johanna. Beitrag in: Geschichtsblätter des Kreises Steinfurt. 22. Jahrgang 1997. Hrsg.: Kreisheimatverein Coesfeld e.V.

 

Aktuelle Befreiungsliteratur und drei Filme:

Adichie, Chimamanda Ngozi: Liebe Ijeawele … Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden. Frankfurt: S. Fischer 2017
https://www.fischerverlage.de/buch/chimamanda-ngozi-adichie-liebe-ijeawele-9783596299683

Mit fünfzehn Vorschlägen für eine feministische Erziehung wirft die Bestseller-Autorin Chimamanda Ngozi Adichie so einfache wie wichtige Fragen auf und spannt den Bogen zwischen zwei Generationen von Frauen.

Chimamanda Ngozi Adichie, Feministin und Autorin des preisgekrönten Weltbestsellers „Americanah“, hat einen Brief an ihre Freundin Ijeawele geschrieben, die gerade ein Mädchen zur Welt gebracht hat. Ijeawele möchte ihre Tochter zu einer selbstbestimmten Frau erziehen, frei von überholten Rollenbildern und Vorurteilen. Alles selbstverständlich, aber wie gelingt das konkret?

Mit ihrem Manifest „Liebe Ijeawele. Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden“ zeigt Chimamanda Adichie, dass Feminismus kein Reizwort ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Mit fünfzehn simplen Vorschlägen für eine feministische Erziehung öffnet sie auch den Blick auf die eigene Kindheit und Jugend. Die junge nigerianische Bestseller-Autorin steht für einen Feminismus, mit dem sich alle identifizieren können. Ein Buch für Eltern und Töchter. We should all be feminists!

Chimamanda Ngozi Adichie ist eine der großen Stimmen der Weltliteratur. Ihr Werk wird in 37 Sprachen übertragen. Für „Americanah“ erhielt sie 2013 den Heartland Prize for Fiction und den National Book Critics Circle Award. Ihr Roman „Blauer Hibiskus“ war für den Booker Prize nominiert, „Die Hälfte der Sonne“ erhielt den Orange Prize for Fiction 2007. Mit ihrem TED-Talk „We should all be Feminists“ verankerte die Nigerianerin den Feminismus fest in der Popkultur. Auf Deutsch liegt der Text im FISCHER Taschenbuch vor: „Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories“. Zuletzt erschien 2017 im FISCHER Taschenbuch „Liebe Ijeawele. Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden“. 2018 wurde Chimamanda Ngozi Adichie mit dem PEN Pinter Prize und dem Everett M. Rogers Award ausgezeichnet. 2019 wurde ihr der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ verliehen. 2020 erhielt sie den Internationalen Hermann-Hesse-Preis für „Blauer Hibiskus“. Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren und lebt heute in Lagos und in den USA.

 

Alderman, Naomi: Die Gabe. Wenn Ohnmacht zur Macht wird – die Zukunft gehört den Frauen. Roman. München: Heyne 2021
https://www.penguinrandomhouse.de/Taschenbuch/Die-Gabe/Naomi-Alderman/Heyne/e576850.rhd

Was wäre, wenn Frauen Männern körperlich überlegen wären – weil sie Stromstöße verteilen können? Naomi Aldermans Roman „Die Gabe“ entwirft eine düstere Zukunftsvision.

In den USA ist „Die Gabe“ kurz vor Beginn der „Me too“-Debatte erschienen. Barack Obama setzte den Roman auf die Liste seiner Bücher des Jahres, die New York Times tat es ihm gleich.

Von einem Tag auf den anderen entdecken Frauen auf dem ganzen Planeten, dass sie „die Gabe“ in sich tragen. Durch bloße Berührung können sie anderen Menschen schreckliche Schmerzen zufügen und sie sogar töten. Von einem Tag auf den anderen werden die Männer zum schwachen Geschlecht. Doch ist eine von Frauen beherrschte Welt auch eine bessere Welt?

Dazu Margaret Atwood: „Männer haben Angst, dass Frauen über sie lachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen.“

Beitrag zum Buch im Deutschlandfunk: Das Patriarchat hat ausgedient (27.03.2018)
https://www.deutschlandfunkkultur.de/naomi-alderman-die-gabe-das-patriarchat-hat-ausgedient.950.de.html?dram:article_id=414022

 

Allmendiger, Jutta: Es geht nur gemeinsam. Berlin: Ullstein 2021
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/es-geht-nur-gemeinsam-9783548064529.html

Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen

In dieser Streitschrift zeigt Jutta Allmendinger, was sich endlich ändern muss, damit wir echte Gleichberechtigung herstellen. Ihr Buch ist ein Fahrplan in die Zukunft, in der Geschlechtergerechtigkeit keine Forderung mehr ist, sondern ein Fakt.

Die Soziologin Jutta Allmendinger ist mit ihrer Geduld am Ende. Seit über drei Jahrzehnten untersucht sie, wie Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern erreicht werden kann, und ihr ernüchterndes Fazit lautet: Wir bewegen uns rückwärts in die Zukunft. Corona hat die wahren gesellschaftlichen Verhältnisse wie unter einem Brennglas hervortreten lassen: Männer arbeiten, Frauen arbeiten auch – und versorgen die Kinder. Männer verdienen, Frauen verdienen auch – aber bloß etwas dazu. Teilzeit und Elternzeit sind fast immer noch Frauensache, Führungspositionen und hohe Gehälter Männersache.

„Die Soziologin Jutta Allmendinger – keiner kennt uns so gut wie sie.“ Deutschlandfunk

 

Anderson, Laurie Halse: Sprich. München: dtv 2020
https://www.dtv.de/buch/laurie-halse-anderson-sprich-62710/

Finde deine eigene Stimme wieder, so schwer es dir fällt. Wehr dich! Sprich! Es wird sich lohnen.

Es ist Melindas erstes Highschool-Jahr, darauf hatte sie sich gefreut. Doch jetzt ist alles wie ein böser Traum: Von ihrer Freundin wird sie geschnitten, die neuen Mitschüler reagieren abweisend. Melinda gilt als Zicke, seit sie auf jener Party die Polizei gerufen hat, aber nicht sagen wollte, warum. Sprechen kann und will sie nicht darüber. Es dauert ein Jahr, ein ganzes Schuljahr, bis Melinda ihre Sprache wiederfindet – und mit ihr die Kraft, sich zu wehren.

Laurie Halse Anderson, geboren in Potsdam, New York, studierte Sprachen und Sprachwissenschaft. Sie war eine erfolgreiche Journalistin, bevor sie beschloss, halbtags als Buchhändlerin zu arbeiten, um genügend Zeit fürs literarische Schreiben zu haben. Ihr Roman „Sprich“ wurde in den USA mit zehn verschiedenen Preisen ausgezeichnet.

 

Arndt, Susan: Sexismus. Geschichte einer Unterdrückung. München: C.H. Beck 2020
https://www.chbeck.de/arndt-sexismus/product/31054442

Geschichte einer Unterdrückung

Zwar ist Sexismus spätestens seit #Aufschrei und #MeToo wieder in aller Munde. Doch meist wird bloß hitzig aneinander vorbei diskutiert statt auf der Grundlage von Wissen zu argumentieren. Susan Arndt versteht Sexismus als umfassendes Denk- und Herrschaftssystem. In ihrem grundlegenden Buch beschreibt sie sowohl seine Geschichte als auch, wie er sich bis heute äußert. Denn nur, wenn verstanden wird, was Sexismus eigentlich alles ist, kann er erkannt, verlernt und strukturell nachhaltig unterwandert werden – und koste es auch, Gewohntes und Privilegien aufzugeben.

Nicht wenige übersehen alltäglichen Sexismus oder leugnen ihn; und wird er kritisiert, stößt das auf Widerstand und Vorwürfe, zu moralisch oder politisch korrekt zu sein. Viele ziehen es inzwischen vor, sich gar nicht mehr zu äußern. Es gibt aber keine neutrale Position gegenüber Sexismus. Denn Sexismus ist ein umfassendes Denk- und Herrschaftssystem, das sich in die DNA unserer Gesellschaft eingeschrieben hat. Susan Arndt identifiziert als seinen Kern das Postulat der binären Zweigeschlechtlichkeit. Es ermöglicht patriarchalische Herrschaft und legt die Grundlagen für die Diskriminierung von Frauen* sowie von homosexuellen, inter*sexuellen und trans*-geschlechtlichen Personen. Auch Männer* werden durch Sexismus als Individuen normiert und können dabei gebrochen werden. Das Buch zeigt diese systemischen Zusammenhänge von Sexismus als Machtsystem und Wissensarchiv auf, analysiert, warum er so mächtig werden konnte, und beschreibt seine aktuellen Facetten. Dabei erzählt es auch von Alternativen und Gegenstrategien.

 

Backes, Laura / Bettoni, Margherita: Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen. München: DVA 2021
https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Alle-drei-Tage/Laura-Backes/DVA-Sachbuch/e584197.rhd

Weit über 100 getötete Frauen allein in Deutschland pro Jahr: Morde, über die niemand spricht

Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann, seine Frau umzubringen. Alle 3 Tage wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Hinzu kommen die Morde an Frauen durch ihnen unbekannte Täter. Diese Verbrechen sind keine Ehrenmorde oder Beziehungstaten, sondern Femizide: Morde, die an Frauen verübt werden, weil sie Frauen sind.

Laura Backes und Margherita Bettoni zeigen in diesem aufrüttelnden Buch, dass die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts auch bei uns ein ernsthaftes gesamtgesellschaftliches Problem ist. Als Familientragödien verharmlost, bleiben viele Frauenmorde verborgen und verdecken die patriarchalen Macht- und Gewaltmuster, die sich tief durch unsere Gesellschaft ziehen. Die beiden Journalistinnen haben mit Überlebenden gesprochen, Experten befragt, die Motive männlicher Gewalttäter untersucht und ihre grausamen Taten hier rekonstruiert. Ihre schockierende Analyse zeigt, dass Femizide uns alle angehen und warum wir jetzt handeln müssen.

“Gewalt beginnt nicht mit dem ersten Schlag”. Jeden Tag fürchten Hunderte Frauen in der Partnerschaft um ihr Leben. Ursachen dafür sind eine falsch verstandene Männlichkeit, Schwächen der deutschen Justiz und eine Gesellschaft, die wegschaut. “Es wird oft gefragt, warum sich die Frau nicht trennt, aber seltener, warum der Mann nicht mit der Gewalt aufhört.” Rechtsanwältin Asha Hedayati und Psychologe Gerhard Hafner informieren in einem FR-Gespräch zum Thema über empathielose Männer, Vorwürfe gegen Opfer – und warum das Thema Partnerschaftsgewalt schon an den Schulen behandelt werden sollte.

Denn allein in 2019 wurden 301 Frauen in Deutschland von ihrem Partner getötet. Das geht aus dem Bericht des Bundeskriminalamtes hervor. Insgesamt wurden 114903 Frauen Opfer sexueller Nötigung oder Bedrohung durch Männer.  (Interview: Viktor Funk / Frankfurter Rundschau 02.02.2021)

„Gewalt gegen Frauen und Femizide sind strukturell und können uns somit alle treffen. Das zeigt das Buch auf sehr eindrucksvolle Weise.“ Deutschlandfunk „Andruck“ (01.03.2021)

 

Becker, Franziska: Das Sein verstimmt das Bewusstsein. Aschaffenburg: Alibri 2021
https://www.alibri-buecher.de/Buecher/Kulturkritik/Franziska-Becker-Das-Sein-verstimmt-das-Bewusstsein::711.html

Wer sich mit den Protagonistinnen der feministischen Bewegung in Deutschland beschäftigt, kommt an Franziska Becker nicht vorbei. Seit Jahrzehnten setzt die bekannte Cartoonistin den Kampf der Frauen um Emanzipation und Gleichberechtigung in Szene, überzieht Patriarchat und Sexismus in ihrer ganzen muffigen Bandbreite mit Häme und Spott und stellt bloß, in welch absurden Verhältnissen sich viele von uns gemütlich eingerichtet haben.
Bekannt wurde sie vor allem als Hauskarikaturistin der EMMA, in der sie gegen männlichen Größenwahn genauso anzeichnete wie gegen sexualisierte Gewalt im Tarnmantel der Liberalität, religiöse Geschlechter-Apartheid und autoritären Fundamentalismus, esoterische Überspanntheiten und kapitalistischen Selbstoptimierungswahn. Unter der großen Klammer „Emanzipation“ versammelt der Bildband alte und neue Zeichnungen und fragt, wie viel wir in Sachen Gleichberechtigung und Solidarität wirklich erreicht haben oder ob wir uns nicht gerade auch unter den Folgen von Identitätspolitik zurückentwickeln.

 

Criado-Perez, Caroline: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. München: btb Verlag 2020 https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Unsichtbare-Frauen/Caroline-Criado-Perez/btb/e561586.rhd

Ein kraftvolles und provokantes Plädoyer für Veränderung!

Unsere Welt ist von Männern für Männer gemacht und tendiert dazu, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren. Caroline Criado-Perez erklärt, wie dieses System funktioniert. Sie legt die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten offen. Die so entstandene Wissenslücke liegt der kontinuierlichen und systematischen Diskriminierung von Frauen zugrunde und erzeugt eine unsichtbare Verzerrung, die sich stark auf das Leben von Frauen auswirkt. Kraftvoll und provokant plädiert Criado-Perez für einen Wandel dieses Systems und lässt uns die Welt mit neuen Augen sehen.

„Es geht um vermeintlich banale Dinge, die jedoch Frauen auf der ganzen Welt benachteiligen: etwa das Fehlen von sicheren Herden in Küchen, der mangelnde Zugang zu Toiletten, die Temperatur in Büroräumen, die Erprobung von Medikamenten vorwiegend an Männern. Das Buch von Caroline Criado-Perez enthält viele Daten und ist gleichwohl ein Pageturner.“ Aus der Jurybegründung zum NDR Kultur Sachbuchpreis 2020 (17.11.2020)

 

Dorlin, Elsa: Selbstverteidigung. Eine Philosophie der Gewalt. Berlin: Suhrkamp/Insel 2020
https://www.suhrkamp.de/buch/elsa-dorlin-selbstverteidigung-t-9783518587560

Nicht alle Leben zählen gleich! Sklaven oder Indigenen im Kolonialismus war streng untersagt, sich zu bewaffnen oder sich zu verteidigen, was Sklavenhaltern und Kolonialherren selbstverständlich gestattet war: Woher rührt diese historische Kluft zwischen „verteidigungswürdigen“ und wehrlosen Körpern, diese organisierte „Entwaffnung“ der Unterworfenen, die bei jedem Befreiungsstreben die Frage der Gewalt aufruft? Vom Sklavenwiderstand bis zum Jiu-Jitsu der Suffragetten, vom Aufstand im Warschauer Ghetto bis zu den Black Panthers und den Queer-Patrouillen zeichnet Elsa Dorlin in ihrem preisgekrönten Buch eine Genealogie der politischen Selbstverteidigung nach.

Hinter der offiziellen Geschichte der Selbstverteidigung verbirgt sich eine „kriegerische Ethik des Selbst“, eine verschüttete Praxis, bei der die Verteidigung als Angriff die einzige Möglichkeit des eigenen Überlebens und einer politischen Zukunft markiert. Diese Geschichte der Gewalt wirft ein neues Licht auf die Definition der modernen Subjektivität und die zeitgenössische Sicherheitspolitik. Sie führt zu einer Neuinterpretation der politischen Philosophie, bei der Hobbes und Locke mit Frantz Fanon, Michel Foucault, Malcolm X, June Jordan oder Judith Butler in ein faszinierendes Streitgespräch geraten.

 

Dröscher, Daniela: Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft. Hamburg: Hoffmann und Campe 2018
https://hoffmann-und-campe.de/products/878-zeige-deine-klasse

Daniela Dröscher verfasst ein einzigartiges Porträt über soziale Herkunft, das überraschende Antworten gibt: auf Grundprobleme politischen Engagements, das Auseinanderdriften verschiedener Milieus, öffentliche Wahrnehmung und auf die Frage, warum Klasse mit so viel Scham besetzt ist.

„Zeige deine Klasse“ beleuchtet die politischen Verhältnisse Deutschlands aus einer radikal subjektiven Perspektive. Als Instrument dient der Autorin dabei der eigentlich längst ausgediente Begriff der Klasse. Denn der Begriff hilft ihr, die Unterschiede herauszuarbeiten, die Herkunft letztlich bedeutet, hilft ihr, zu ergründen, warum sich das Wir-Gefühl verloren hat. Immer wieder nimmt Dröscher dabei gerade jene Macht- und Ohnmachtsverhältnisse in den Blick, die kein Wohlstand aufzulösen vermag. Ein Buch, wie wir es seit Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ über Deutschland ersehnt haben.

 

Ebner, Julia: Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren. Berlin: Suhrkamp 2021
https://www.suhrkamp.de/buch/julia-ebner-radikalisierungsmaschinen-t-9783518471333

Julia Ebner verfolgt hauptberuflich Extremisten. Undercover mischt sie sich unter Hacker, Terroristen, Trolle, Fundamentalisten und Verschwörer, sie kennt die Szenen von innen, von der Alt-Right-Bewegung bis zum Islamischen Staat, online wie offline. Ihr Buch macht Radikalisierung fassbar, es ist Erfahrungsbericht, Analyse, unmissverständlicher Weckruf.
Als Extremismusforscherin stellen sich ihr folgende Fragen: Wie rekrutieren, wie mobilisieren Extremisten ihre Anhänger? Was ist ihre Vision der Zukunft? Mit welchen Mitteln wollen sie diese Vision erreichen? Um Antworten zu finden, schleust sich Julia Ebner ein in zwölf radikale Gruppierungen quer durch das ideologische Spektrum. Sozusagen von der anderen Seite beobachtet sie Planungen terroristischer Anschläge, Desinformationskampagnen, Einschüchterungsaktionen, Wahlmanipulationen. Sie erkennt, Radikalisierung folgt einem klaren Skript: Rekrutierung, Sozialisierung, Kommunikation, Mobilisierung, Angriff.

 

Eddo-Lodge, Reni: Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche. Stuttgart: Klett-Cotta 2019
https://www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Warum_ich_nicht_laenger_mit_Weissen_ueber_Hautfarbe_spreche/112155

„Dieses Buch verlangte danach, geschrieben zu werden. Es ist die Art von Buch, die eine Zukunft einfordert, in der wir solche Bücher nicht mehr brauchen. Essenziell.“ Marlon James, Gewinner des Man Booker Prize 2015

Viel zu lange wurde Rassismus als reines Problem rechter Extremisten definiert. Doch die subtileren, nicht weniger gefährlichen Vorurteile finden sich dort, wo man am wenigsten mit ihnen rechnen würde – im Herzen der achtbaren Gesellschaft.

„Reni Eddo-Lodges Buch ist ein Geschenk, weil es klar und deutlich beschreibt, was struktureller Rassismus ist und warum Weiß-Sein in unseren Gesellschaften ein Privileg ist.“ Laura Freisberg, BR-Kulturwelt, 31.01.2019

Was bedeutet es, in einer Welt, in der Weißsein als die selbstverständliche Norm gilt, nicht weiß zu sein? Reni Eddo-Lodge spürt den historischen Wurzeln der Vorurteile nach und zeigt unmissverständlich, dass die Ungleichbehandlung Weißer und Nicht-Weißer unseren Systemen seit Generationen eingeschrieben ist.

Ob in Politik oder Popkultur – nicht nur in der europaweiten Angst vor Immigration, sondern auch in aufwogenden Protestwellen gegen eine schwarze Hermine oder einen dunkelhäutigen Stormtrooper wird klar: Diskriminierende Tendenzen werden nicht nur von offenen Rassisten, sondern auch von vermeintlich toleranten Menschen praktiziert. Um die Ungerechtigkeiten des strukturellen Rassismus herauszustellen und zu bekämpfen, müssen darum People of Color und Weiße gleichermaßen aktiv werden – „Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt nur uns“.

„Dieses Buch als weißer Mensch ohne Migrationshintergrund zu lesen ist wirklich kein Spaß, und trotzdem sollte man es unbedingt lesen, weil es den Blick auf die Gesellschaft, in der man lebt, irritiert. Außerdem irritiert es den Blick, den man auf sich selbst hat.“ Antonia Baum, Die Zeit

 

Endler, Rebekka: Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt. Köln: DuMont 2021
https://www.dumont-buchverlag.de/buch/endler-das-patriarchat-9783832170912/

Wie für Männer gemachtes Design unser Leben bestimmt

Unsere Umwelt wurde von Männern für Männer gestaltet. In „Das Patriarchat der Dinge“ öffnet Rebekka Endler uns die Augen für das am Mann ausgerichtete Design, das uns überall umgibt. Und sie zeigt, welche mitunter lebensgefährlichen Folgen es für Frauen hat. Unsere westliche Medizin ist beispielsweise – mit Ausnahme der Gynäkologie – auf den Mann geeicht: von Diagnoseverfahren und medizinischen Geräten bis hin zur Dosierung von Medikamenten. Aber auch die Dummys für Crashtests haben den männlichen Körper zum Vorbild – und damit das ganze Auto samt Airbags und Sicherheitsgurten. Der öffentliche Raum ist ebenso für Männer gemacht: Architektur, Infrastruktur und Transport, sogar die Anzahl öffentlicher Toiletten oder die Einstellung der Temperatur in Gebäuden.

Wer überlebt einen Herzinfarkt? Wer friert am Arbeitsplatz und für wen ist er gestaltet? Für wen sind technische Geräte leicht zu bedienen? Für wen ist das Internet? Das Patriarchat ist Urheber und Designer unserer Umwelt. Wenn wir uns das bewusst machen, erscheinen diese Fragen plötzlich in einem neuen Licht.

 

Garcia, Manien: Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das Leben von Frauen bestimmt. Berlin: Suhrkamp/Insel 2021
https://www.suhrkamp.de/buch/manon-garcia-wir-werden-nicht-unterwuerfig-geboren-t-9783518587614

Sogar die unabhängigsten und feministischsten Frauen wissen vielleicht gelegentlich einen begehrenden Männerblick zu schätzen, wollen sich an einer starken Schulter ausweinen oder ziehen die Hausarbeit vermeintlich stärker erfüllenden Tätigkeiten vor. Sind solche Wünsche und Freuden mit ihrer Unabhängigkeit vereinbar oder stellen sie einen Verrat am jahrhundertelangen feministischen Kampf für Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung dar?

Jüngste Debatten im Kontext der #MeToo-Bewegung werfen ein hartes Licht auf diese Ambivalenzen und auf die Kehrseite der Männerherrschaft: die Zustimmung der Frauen zu ihrer eigenen Unterwerfung. Diese wurde als philosophisches Tabu und blinder Fleck des Feminismus in der Komplexität der gelebten Existenz bislang nie im Detail analysiert.

Im direkten Dialog mit dem Denken Simone de Beauvoirs stellt sich Manon Garcia dieser Aufgabe und meistert sie mit philosophischer Bravour. Und sie macht deutlich, warum es wichtig ist, die Mechanismen der Selbstunterwerfung von Frauen zu verstehen. Denn dieses Verstehen ist die notwendige Voraussetzung für jede Emanzipation.

 

Ghodsee, Kristen R.: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben. Berlin: Suhrkamp 2019
https://www.suhrkamp.de/buch/kristen-r-ghodsee-warum-frauen-im-sozialismus-besseren-sex-haben-t-9783518075142

Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit

Im August 2017 sorgte ein Beitrag von Kristen R. Ghodsee in der New York Times für Furore. Der Titel: „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex hatten“. Bei „Sozialismus“ mögen viele an alte Männer in grauen Anzügen denken. Tatsächlich aber garantierten zahlreiche sozialistische Länder ihren Bürgerinnen durch die Integration in den Arbeitsmarkt, Lohngleichheit und eine aktive Sozial- und Familienpolitik ein hohes Maß an ökonomischer Unabhängigkeit. Das erlaubte vielen Frauen, ihre Partner nicht nur unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Absicherung, sondern eben auch unter dem der individuellen Entfaltung zu wählen.

Dreißig Jahre nach dem Ende des Staatssozialismus blickt die Historikerin und Ethnografin zurück und untersucht die Auswirkungen der kapitalistischen Transformation auf die Leben von Frauen. Die Lasten einer unregulierten Wirtschaft, so das Ergebnis ihres Essays, den sie nun erweitert als Buch vorlegt, tragen vor allem Frauen. Und sie sind es, die durch eine gerechtere Gesellschaft am meisten zu gewinnen haben.

Kristen R. Ghodsee, geboren 1970, ist Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania und forschte unter anderem in Princeton, Rostock und Freiburg. Von ihr ist zuletzt erschienen: Red Hangover: Legacies of Twentieth-Century Communism (2017).

„Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“: Gleich zum Orgasmus. Rezension von ZEIT ONLINE-Autorin Ann-Kristin Tlusty
“Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben”: Gleich zum Orgasmus | ZEIT ONLINE / 01.12.2019

Die roten Großmütter der Frauenbewegung: Le Monde diplomatique / 08.07.2021 / Kristen R. Ghodsee
https://monde-diplomatique.de/!5783386

 

Hänel, Hilkje: Wer hat Angst vorm Feminismus. München: C.H. Beck 2021
https://www.chbeck.de/haenel-charlotte-angst-vorm-feminismus/product/27871839

Warum Frauen, die nichts fordern, nichts bekommen

Feminismus – das ist nicht nur für Männer, sondern auch für einige Frauen immer noch ein bedrohliches Wort, selbst oder gerade in Zeiten von #MeToo. Liegt das daran, dass viele gar nicht wissen, was Feminismus ist und worauf er hinarbeitet? Gibt es den einen Feminismus? Was hat Feminismus eigentlich mit Sexismus zu tun? Und was mit unseren Beziehungen? Die Philosophin Hilkje Hänel klärt über diese Fragen auf und plädiert für einen Feminismus, von dem alle etwas haben.

Offener Frauenhass ist in unserer Gesellschaft mittlerweile weitgehend geächtet. Aber auch nach über fünfzehn Jahren mit einer Frau an der Regierungsspitze sind wir noch längst nicht in der Gleichberechtigung angekommen. Im Gegenteil: Weiterhin strukturiert Sexismus geschlechtsspezifische Alltagserfahrungen, bis hinein in unsere Intimbeziehungen, wo die Grenzen zwischen Lust und sexueller Gewalt schnell verschwimmen.

Die Philosophin und Schriftstellerin Hilkje Hänel deckt die Mechanismen sexueller Objektifizierung und männlichen Anspruchsdenkens auf. Sie zeigt, wie Frauen oft in die sexistischen Alltagsstrukturen verstrickt sind, an denen auch viele Männer leiden. Ihr zugängliches Buch ist das Plädoyer für einen Feminismus, von dem alle etwas haben.

 

Hasters, Alice: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten. München: hanserblau 2019
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/was-weisse-menschen-nicht-ueber-rassismus-hoeren-wollen-aber-wissen-sollten/978-3-446-26425-0/

Wer Rassismus bekämpfen will, muss Veränderung befürworten – und die fängt bei einem selbst an.

„Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Kannst du Sonnenbrand bekommen?“, „Wo kommst du her?“ Wer solche Fragen stellt, meint es meist nicht böse. Aber dennoch: Sie sind rassistisch. Warum, das wollen weiße Menschen oft nicht hören.

Alice Hasters erklärt es trotzdem. Eindringlich und geduldig beschreibt sie, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, ist im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden.

Alice Hasters wurde 1989 in Köln geboren. Sie studierte Journalismus in München und arbeitet u. a. für die „Tagesschau“ und den „RBB“. Mit Maxi Häcke spricht sie im monatlichen Podcast „Feuer&Brot“ über Feminismus und Popkultur.

 

Hausbichler, Beate: Der verkaufte Feminismus. Wie aus einer politischen Bewegung ein profitables Label wurde. Salzburg: Residenz 2021
https://www.residenzverlag.com/buch/der-verkaufte-feminismus

Vom politischen Kampf zum profitablen Label. Eine spannende Analyse.

Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung: Der Konsumkapitalismus hat schon früh erkannt, dass die Anliegen der Frauenbewegung für ihn nützlich sind. Der markttaugliche Feminismus verlagert die Arbeit: weg von politischen Forderungen für alle, hin zur Arbeit an und für sich selbst.
Welche Gefahren birgt diese Individualisierung, befeuert durch Social Media, für den Diskurs über Gleichberechtigung? Beate Hausbichler zeigt auf, wo überall Feminismus in dicken Lettern draufsteht, obwohl nur Selbstoptimierung, Selbstdarstellung und letztlich Konsum drinstecken, und welches Risiko das für eine politische Bewegung bedeutet.

 

Henninger, Annette / Birsl, Ursula (Hrsg.): Antifeminismen. ‚Krisen‘-Diskurse mit gesellschaftsspaltendem Potential? Bielefeld: transcript 2020
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4844-7/antifeminismen/

Hinter dem aktuellen Antifeminismus steht eine kleine, aber intensiv vernetzte Gruppe von Akteur*innen, die strategisch um Deutungshoheit kämpft. Ihr Einfluss jenseits des rechten und christlich-fundamentalistischen Spektrums ist jedoch gering – und Gegenmobilisierungen durchaus erfolgreich. Die Beiträge dieses Bandes legen erstmals vergleichende Analysen zum Antifeminismus in Deutschland vor. Untersucht werden dabei Mediendiskurse, Antifeminismus in der Wissenschaft, Mobilisierungen gegen die Reform sexueller Bildung an Schulen, rechte Kritiken an der „Ehe für alle“, Vorstellungen von Mutterschaft sowie Effekte der Projektion von Sexismus auf zugewanderte Muslime in Integrationskursen für Geflüchtete.

Antifeminismus als Angriff auf die Demokratie. Interview mit A. Henninger im Deutschlandradio 11.01.2021
https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2021/01/11/annette_henninger_antifeminismen_dlf_20210111_1925_2c0a3b86.mp3

 

Illouz, Eva: Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen. Berlin: Suhrkamp 2018
https://www.suhrkamp.de/buch/eva-illouz-warum-liebe-endet-t-9783518299180

Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt sich Eva Illouz mit der Frage, wie der Konsumkapitalismus und die Kultur der Moderne unser Gefühls- und Liebesleben transformiert haben. „Warum Liebe endet“ bildet den vorläufigen Abschluss dieses grandiosen Forschungsprojekts und zeigt, warum mit Blick auf unsere sexuellen und romantischen Beziehungen vor allem eines selbstverständlich geworden ist: sich von ihnen zu verabschieden.

Illouz arbeitet heraus, wie es um Beziehungen in Zeiten von Speed-Dating und Tinder, von Gelegenheitssex und Körperkult bestellt ist – und warum insbesondere Frauen die Leidtragenden dieser gleichermaßen sexualisierten wie sexuell befreiten Kultur sind. Zeitgemäßer geht es nicht.

Eva Illouz, geboren 1961, ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem sowie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique, CSE-EHESS, in Paris. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Anneliese Maier-Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung und den EMET-Preis für Sozialwissenschaften.

 

Joel, Daphna / Vikhanski, Luba: Das Gehirn hat kein Geschlecht – Wie die Neurowissenschaft die Genderdebatte revolutioniert. München: dtv 2021
https://www.dtv.de/buch/daphna-joel-luba-vikhanski-das-gehirn-hat-kein-geschlecht-43780.pdf/?website_area=handel

Das Märchen von männlichen und weiblichen Gehirnen

Noch immer hält sich der Mythos, Frauen und Männer würden sich in Eigenschaften und Verhaltensweisen grundlegend unterscheiden. Auch die Wissenschaft versuchte lange zu beweisen, dass männliche und weibliche Gehirne von Natur aus unterschiedlich ticken.

Die israelische Neurowissenschaftlerin Daphna Joel widerlegt diese Theorie. Anhand neuester Studien und ihrer eigenen bahnbrechenden Forschung belegt sie, dass jedes Gehirn ein einzigartiges Mosaik ist, das sowohl „männliche“ als auch „weibliche“ Merkmale in sich vereint. Und sie erklärt, warum wir alle verlieren, wenn wir an Geschlechterstereotypen festhalten.

Ein faszinierender Blick auf unser Gehirn und ein starkes Plädoyer für die Abkehr von einem System, das Menschen aufgrund ihres Geschlechts in zwei Kategorien einteilt.

Dr. Daphna Joel ist Dozentin für Neurowissenschaften und Psychologie an der Universität Tel Aviv. Sie ist eine Expertin im Bereich Gehirn, Geschlecht und Gender und eine gefragte Keynote-Speakerin auf Kongressen und Symposien auf der ganzen Welt.

Luba Vikhanski absolvierte das „Science, Health and Environmental Reporting Program“ der New York University. Sie arbeitet als Wissenschaftsautorin am Weizmann Institute of Science, Israel, und ist Autorin dreier Bücher.

Beitrag zum Buch im Deutschlandfunk: Kampf dem Rollenklischee.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/daphna-joel-luba-vikhanski-das-gehirn-hat-kein-geschlecht.950.de.html?dram:article_id=497345

 

Kaiser, Susanne: Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen. Berlin: Suhrkamp 2020
https://www.suhrkamp.de/buch/susanne-kaiser-politische-maennlichkeit-t-9783518127650

„Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken“, appelliert Björn Höcke an den deutschen Mann. Mit dieser Forderung ist der AfD-Politiker nicht allein: Von Neuseeland bis Kanada, von Brasilien bis Polen vernetzen sich Rechtspopulisten, sogenannte „Incels“, aber auch christliche Abtreibungsgegner unter dem Banner der Männlichkeit, um Frauen auf einen nachrangigen Platz in einer angeblich natürlichen Hierarchie zurückzuverweisen.

Susanne Kaiser bietet einen kompakten Überblick über die Geschichte und das Programm dieser Bewegung. Sie wertet Diskussionen in der „Mannosphäre“ aus, zeigt internationale Verbindungen auf und fragt, warum rechte Mobilisierung überall auf der Welt gerade über die Themen Gender Studies, LGBT-Rechte und Geschlechterrollen funktioniert.

 

Kantor, Jodi / Twohey, Megan: MeToo. Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung. Stuttgart: Klett-Cotta 2020
Klett-Cotta: #Me Too – Jodi Kantor, Megan Twohey

Ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis

Mit ihren Enthüllungen zum Fall Harvey Weinstein bringen die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey eine Bewegung ins Rollen, die die Welt nachhaltig verändert. Damit beginnt die Zerschlagung eines Systems, das sexuelle Übergriffe über Jahrzehnte systematisch verschleierte.

Monatelang recherchieren Megan Twohey und Jodi Kantor, um die Wahrheit über Harvey Weinstein herauszufinden. In ihren Interviews mit über 80 Frauen beweisen sie erstmals, was die bereits kursierenden Gerüchte besagen: Sexueller Missbrauch und Belästigungen sind an der Tagesordnung. Schauspielerinnen wie Mitarbeiterinnen Weinsteins berichten von Schweigegeldzahlungen und Geheimhaltungsvereinbarungen, die die jahrzehntelangen Übergriffe systematisch verschleierten.

Mit immensem journalistischem Geschick und gegen alle Widerstände gelingt es Jodi Kantor und Megan Twohey, Harvey Weinstein zu Fall zu bringen. In diesem Buch erzählen sie nicht nur von bislang unveröffentlichten Details und versteckten Quellen, sie verdeutlichen auch, was die Enthüllung für die daraus erwachsene, weltweite #MeToo-Bewegung bedeutet. Eine einzigartige, inspirierende Geschichte des investigativen Journalismus, in der sich Frauen für andere Frauen, zukünftige Generationen und für sich selbst eingesetzt haben.

Stimmen zum Buch:

„Die Geschichte von Jodi Kantor und Megan Twohey sollte jeder lesen. Sie zeigen eindrücklich, wie ein Mann wie Weinstein seine Macht und viele Frauen so lange missbrauchen konnte.“ Los Angeles Times Review

„#MeToo ist fesselnd und, von zwei der talentiertesten Journalistinnen des Landes angefertigt, eine lebhafte, filmische Lektüre.“ CNN

„Eine ‚true crime story‘, die teilweise so spannend ist, als wüsste niemand, was kommt.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

„#MeToo liest sich gleichzeitig wie ein Thriller und wie eine Anklage gegen ein System voller Fäulnis. Aber letztlich geht es um die Frauen, die in ihrem Schmerz gefesselt sind und sich weigerten, länger zu schweigen.“ The Atlantic

 

Karl, Michaela: Die Geschichte der Frauenbewegung. Ditzingen: Reclam 2020
https://www.reclam.de/detail/978-3-15-019657-1/Karl__Michaela/Die_Geschichte_der_Frauenbewegung

Feminismus ist so aktuell wie lange nicht mehr, selbst Popstars und Modelabels schmücken sich mit ihm. In jüngster Zeit hat die #MeToo-Debatte dazu beigetragen, dass über sexuelle Belästigung und andere Benachteiligungen von Frauen, nicht nur in der Kulturwelt, offener gesprochen wird.

Doch der Kampf um Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung hat eine lange Vorgeschichte, die von den Suffragetten über die Feministinnen der 1968er-Generation bis hin zum Postfeminismus und den Gendertheorien um die Jahrtausendwende reicht. Ein kompakter, kenntnisreicher Überblick.

 

Knapp, Natalie: Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind. Reinbek: Rowohlt 2017
https://www.rowohlt.de/buch/natalie-knapp-der-unendliche-augenblick-9783498034030

Ein neuer Lebensabschnitt, eine gesellschaftliche Krise oder die Geburt eines Kindes: Wenn sich Dinge verändern, fühlen wir uns oft verunsichert. Denn wir müssen Abschied nehmen von Vertrautem, haben aber noch keine Vorstellung davon, was an seine Stelle treten wird.

Die Philosophin Natalie Knapp plädiert dafür, Umbruchsituationen oder Schicksalsschläge nicht möglichst schnell hinter sich lassen zu wollen, sondern sie auf eine neue Art wertzuschätzen. Denn es sind Phasen, in denen das Leben mit besonderer Intensität spürbar wird. Sie aktivieren unser schöpferisches Potenzial und lassen uns Entdeckungen und Erfahrungen machen, die uns in ruhigeren Jahren Halt und Richtung geben.

„Nach zwei Stunden mit Natalie Knapp fühlt man sich viel aufgeräumter.“ Süddeutsche Zeitung

 

Kühne, Fränzi: Was Männer nie gefragt werden. Ich frage trotzdem mal. Frankfurt: S. Fischer 2021
https://www.fischerverlage.de/buch/fraenzi-kuehne-was-maenner-nie-gefragt-werden-9783596705825

Aufsichtsrätin und Mutter Fränzi Kühne bietet eine überraschende und unterhaltsame Perspektive auf das, was in Sachen Gleichberechtigung immer noch falsch läuft.

„Herr Maas, Sie tragen meist Anzug und Krawatte – das ist Standard in der Politik, oder?“ „Mussten Sie sich zwischen Kindern und Ihrem Start-up entscheiden, Herr Zeiler?“ Warum klingen diese Fragen seltsam? Weil sie sonst nur Frauen gestellt werden.

Ich habe das am eigenen Leib erfahren, als ich jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands wurde. Aber statt mich zu ärgern, habe ich mir einen Spaß gemacht und den Spieß einfach umgedreht: Jetzt stelle ich Männern all die Fragen, mit denen ich sonst konfrontiert werde. Das Ergebnis hat mich überrascht. Aber lesen Sie selbst …

„Fränzi hat mich eingeschüchtert, verunsichert und beleidigt. Bis ich verstanden habe, dass ihr exakt diese Fragen gestellt wurden. Unfassbar.“ Fynn Kliemann

Fränzi fragt, diese Männer antworten: Jürgen Bornschein, Axel Bosse, Jörg Eigendorf, Rainer Esser, Holger Friedrich, Gregor Gysi, Lars Hellmeyer, Joe Kaeser, Friedrich Kautz, Fynn Kliemann, Frater Rafael Maria Klose, Heiko Maas, Christoph Mönnikes, Julian Otto alias Bausa, Christian Rach, Frank Thelen, Helmut Thoma, Ole von Beust, Jean-Remy von Matt, Frank-Peter Weiß, Peter Wittkamp und Waldemar Zeiler.

 

Lechner, Elisabeth: Riot, don’t diet! Aufstand der widerspenstigen Körper. Wien: Kremayr & Scheriau 2021
https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/riot-dont-diet-2/

„In fünf Schritten zur Schönheitsrevolution: Die Zukunft ist widerspenstig!“

Podcast zum Thema (09.07.2021):
Warum ist es so schwer, den eigenen Körper zu mögen? Gespräch mit Standard-Podcasterin Beatrice Frasl über Lookismus, Dickenhass und mögliche Auswege

Dass mit den gängigen Schönheitsnormen Milliarden verdient werden, das ist längst bekannt. Ebenso, dass genau deshalb immer wieder neue Schönheitsideale erfunden werden. Trotzdem ist es für sehr viele, wenn nicht für die meisten, enorm schwer, ihrem oder seinem Aussehen halbwegs gelassen zu begegnen. Elisabeth Lechner seziert in ihrem Buch „Riot, don’t diet!“ den kapitalistischen und politischen Hintergrund, vor dem Menschen aufgrund ihres Körpers bewertet, normiert und diskriminiert werden.

Die Podcasterin und Genderexpertin Beatrice Frasl spricht in „Lesezeichen“ über die Funktionen von im Buch thematisierten Affekten wie Scham und Ekel und dass es schlicht nicht die Aufgabe unserer Körper ist, für andere schön auszusehen.

Podcast hören: https://www.derstandard.de/story/2000127745140/auf-dem-sonnenstrahl-weltallweite-suche-nach-der-ersten-liebe

Pinkstinks kennenlernen: https://pinkstinks.de/autoren/elisabeth-lechner/

 

Lorde, Audre: Sister Outsider. „Nicht Unterschiede lähmen uns, sondern Schweigen.“ München: Hanser 2021
https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/audre-lorde/

Audre Lorde ist die revolutionäre Denkerin und Ikone des Schwarzen Feminismus.

Audre Lorde wusste, was es heißt, als Bedrohung zu gelten: als feministische Dichterin, als Schwarze Frau in einer weißen akademischen Welt, als lesbische Mutter eines Sohnes. Viele „Formen menschlicher Verblendung haben ein und dieselbe Wurzel: die Unfähigkeit, Unterschiedlichkeit als eine dynamische Kraft zu begreifen, die bereichernd ist, nicht bedrohlich“.

Lorde widmete ihr Schaffen dem Kampf gegen Unterdrückung. Verschiedenheit und Schwesternschaft, Zorn, Erotik und Sprache wurden zu kraftvollen Waffen. In ihren Texten über Rassismus, Patriarchat und Klasse finden wir Antworten auf die brennenden Fragen der Gegenwart – ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen beweist der Band seine erschreckende Aktualität.

Audre Lorde, 1934 in Harlem geboren, war eine US-amerikanische Dichterin, Theoretikerin und Aktivistin. Zwischen 1984 und 92 verbrachte sie jedes Jahr mehrere Monate in Berlin, u.  a. als Gastprofessorin an der FU Berlin. Audre Lorde verfasste mehrere Gedicht- und Essaybände sowie autobiographische Werke. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Audre Lorde starb 1992 an ihrer Krebserkrankung.

 

Mayr, Anna: Die Elenden. Berlin: Hanser 2020
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-elenden/978-3-446-26840-1/

Anna Mayr war noch ein Kind und schon arbeitslos. Sie ließ die Armut hinter sich, doch den meisten gelingt das nicht – und das ist so gewollt. Dieses Buch zeigt, warum.

Faul. Ungebildet. Desinteressiert. Selber schuld. Als Kind von zwei Langzeitarbeitslosen weiß Anna Mayr, wie falsch solche Vorurteile sind – was sie nicht davor schützte, dass ein Leben auf Hartz IV ein Leben mit Geldsorgen ist und dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Früher schämte sie sich, dass ihre Eltern keine Jobs haben.
Heute weiß sie, dass unsere Gesellschaft Menschen wie sie braucht: als drohendes Bild des Elends, damit alle anderen wissen, dass sie das Richtige tun, nämlich arbeiten. In ihrem kämpferischen, thesenstarken Buch zeigt Mayr, warum wir die Geschichte der Arbeit neu denken müssen: als Geschichte der Arbeitslosigkeit. Und wie eine Welt aussehen könnte, in der wir die Elenden nicht mehr brauchen, um unseren Leben Sinn zu geben.

Anna Mayr wurde 1993 in einer Mittelstadt am östlichen Rand des Ruhrgebiets geboren. In der Grundschule lernte sie die Fangesänge von Borussia Dortmund, am Gymnasium wurde ihr beigebracht, dass sie die Gegend am besten schnellstmöglich verließ. Sie studierte Geographie und Literatur in Köln, schrieb für eine Boulevardzeitung, arbeitete als Deutschlehrerin. Mit dem Team von Correctiv war sie 2018 für den Nannenpreis und den Reporterpreis nominiert. Heute ist sie Redakteurin im Politik-Ressort der ZEIT und lebt in Berlin.

 

Passmann, Sophie: Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch. Köln: KiWi 2019
https://www.kiwi-verlag.de/buch/sophie-passmann-alte-weisse-maenner-9783462052466

„Beweis erbracht: Unbestechlichen Feminismus gibt es auch in lustig. Sogar in sehr lustig! Großartig!“ Anne Will

Sophie Passmann ist Feministin und so gar nicht einverstanden mit der Plattitüde, der alte weiße Mann sei an allem schuld. Sie will wissen, was hinter diesem Klischeebild steckt, und fragt nach: Ab wann ist man ein alter weißer Mann? Und kann man vielleicht verhindern, einer zu werden?

Sophie Passmann gehört zu einer neuen Generation junger Feministinnen; das sind Frauen, die stolz, laut und selbstbestimmt sind. Sie wollen Vorstandschefinnen werden oder Hausfrauen, Kinder kriegen oder Karriere machen oder beides. Und sie haben ein Feindbild, den alten weißen Mann. Dabei wurde nie genau geklärt, was der alte weiße Mann genau ist.

Eines ist klar: Er hat Macht und er will diese Macht auf keinen Fall verlieren. Doch Sophie Passmann will Gewissheit statt billiger Punchlines, deswegen trifft sie mächtige Männer, um mit ihnen darüber zu sprechen: „Sind Sie ein alter weißer Mann und wenn ja – warum?“ Die Texte, die daraus entstanden sind, gehören zu den klügsten und gleichzeitig lustigsten, die man hierzulande finden kann.

Sophie Passmann war im Gespräch mit: Christoph Amend, Micky Beisenherz, Kai Diekmann, Robert Habeck, Carl Jakob Haupt, Kevin Kühnert, Rainer Langhans, Sascha Lobo, Papa Passmann, Ulf Poschardt, Tim Raue, Marcel Reif, Peter Tauber, Jörg Thadeusz, Claus von Wagner.

 

Roig, Emilia: Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung. Berlin: Aufbau 2021
https://www.aufbau-verlag.de/index.php/why-we-matter.html

Weiß, männlich, nicht behindert – in „Why We Matter: Das Ende der Unterdrückung“ befasst sich die Politologin und Aktivistin Emilia Roig mit der Bewusstwerdung von Privilegien dominanter gesellschaftlicher Gruppen. Perspektivwechsel seien notwendig.

Emilia Roig deckt die Muster der Unterdrückung auf und leitet zu radikaler Solidarität an. Sie zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie –, wie Rassismus und Black Pride, Trauma und Auschwitz, Homofeindlichkeit und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen.

Wie die weiße Vorherrschaft alle Lebensaspekte durchdringt. Emilia Roig im Gespräch mit Shelly Kupferberg. Deutschlandfunk Kultur 27.02.2021
Emilia Roig über “Why We Matter: Das Ende der Unterdrückung” – Wie die weiße Vorherrschaft alle Lebensaspekte durchdringt (deutschlandfunkkultur.de)

„Radikal und behutsam zugleich. Dieses Buch ist ein heilsames, inspirierendes Geschenk.“ Kübra Gümüsay

„Die Antwort auf viele Fragen unserer unsicheren Zeit heißt: Gleichberechtigung aller. Und dieses großartige Buch ist ein Schritt auf dem Weg dahin.“ Sibylle Berg

„Dieses Buch wird verändern, wie Sie die Welt wahrnehmen, und Sie verstehen lassen, was Gerechtigkeit wirklich bedeutet.“ Teresa Bücker

„Dass Emilia Roig einen in seiner Radikalität essentiellen Beitrag zu den Diskriminierungsdebatten dieser Zeit geschrieben hat, steht außer Zweifel. Er wird es so lange bleiben, bis eine ganze Reihe weiterer Empathielücken geschlossen ist.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Mit ‚Why we matter‘ blickt Roig in zahlreiche Bereiche, die bis heute von offenem Rassismus, dürftig verkappter Unterdrückung oder unbewussten Mustern der Diskriminierung geprägt sind. Die knapp 400 Seiten haben viel Potenzial, die Augen von weißen, privilegierten Menschen zu öffnen.“ dpa

 

Rosales, Caroline: Sexuell verfügbar. Berlin: Ullstein 2019
Sexuell verfügbar – Hardcover | ULLSTEIN (ullstein-buchverlage.de)

Aufwachsen als Mädchen und Frausein im Spiegel von Alltagssexismus und Missbrauch

„Aufklärung ist meine Nr. 1 in gesellschaftlichen Fragen, und genau das findet in diesem Buch statt. Hier geht es um die Feinheiten. Für mehr Bewusstsein, mehr Sensibilität mehr Selbst-Erkenntnis und -Bestimmung. Gut für mich – gut für alle.“ Inga Humpe

Es wird viel geredet über die patriarchalisch geprägte sexistische Gesellschaft, doch selten über den Nährboden, der das Wachstum solcher männlich-dominierten Machtstrukturen begünstigt.

Caroline Rosales erzählt nah an ihrer eigenen Geschichte, wie bereits kleine Mädchen darauf konditioniert werden, lieb und höflich zu sein und dem Onkel doch ein Küsschen zu geben. Und wie aus diesen Mädchen Frauen werden, die mehr auf das Gegenüber achten als auf sich selber. Das müssen wir ändern. Denn es gibt viele Grauzonen zwischen unserer Erziehung, Missbrauch und Feminismus. Hier werden sie beleuchtet.

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, ist Autorin mehrerer Sachbücher und Redakteurin der ZEIT-Magazine bei ZEIT ONLINE. „Das Leben keiner Frau“ ist ihr literarisches Debüt. Rosales lebt mit ihrer Familie in Berlin.

 

Salami, Minna: Sinnliches Wissen. Eine schwarze Perspektive für alle. Berlin: Matthes & Seitz 2021

Sinnliches Wissen verbindet Verstand und Gefühl, Poesie und Forschung, Mythen und zeitgenössische Theorien, sucht das Unermessliche und das Quantifizierbare. Wie das genau passiert, erklärt die Journalistin Minna Salami in ihrem gleichnamigen Buch.

Macht und Schönheit ohne Herrschaft. Deutschlandfunk Kultur 18.08.2021
https://www.deutschlandfunkkultur.de/minna-salami-sinnliches-wissen-eine-schwarze-feministische.1270.de.html?dram:article_id=500744

In ihrem neuen Buch „Sinnliches Wissen“ versammelt Minna Salami Essays über Schwarzsein, Wissen und Macht, Kunst, Feminismus und Weiblichkeit, Befreiung, Schwesternschaft und Schönheit.

Schon im ersten Text stellt sie klar, wogegen sie angeht: eine „europatriarchalische, auf Hierarchie fixierte Konstruktion des Wissens, die elitäre europäische Männer als Propaganda verbreiteten, um ihre eigene Weltsicht im großen Maßstab durchzusetzen“.

Darin herrscht Rationalität über Emotionalität, Mann über Frau, White Supremacy in tausend offensichtlichen und subtilen Schattierungen über die Identitäten, Erfahrungen und das Wissen aller anderen.

„‚Sinnliches Wissen‘ ist ein forschendes, herausforderndes und fantasievolles Buch, das es wagt, den Schwarzen Feminismus als das Prisma zu positionieren, durch das wir die Welt besser erleben und verstehen können.“ Bernardine Evaristo

In ihrem inspirierenden und ermutigenden Essay lehnt Minna Salami eine Opferhaltung ab und zeigt jenseits von Essenzialisierungen, welche ungeheure Wirkung in afrikanischen und weiblichen Sichtweisen auf die Welt verborgen liegt. Persönlich und global, analytisch und poetisch, kämpferisch und voller Emphase eröffnet sie eine schwarze feministische Perspektive für alle, die durch ihre Nähe zu Spiritualität und eine andere Art der Naturbeziehung auch progressive, westliche Positionen herausfordert.

Denn Gleichberechtigung kann nicht darin bestehen, dass Frauen sich Männern, Schwarze sich Weißen angleichen. In ihrem Nachdenken über Befreiung, Dekolonisierung, Identität, Blackness und Schwesternschaft, das sich aus vielfältigen und auch unvermuteten Quellen speist, erweitert Minna Salami nicht nur unsere eingeschränkte Sicht auf die Welt, sondern preist auch das Glück, eine Frau zu sein, eine Schwarze Frau, die für nichts weniger als die Befreiung aller Menschen kämpft.

Minna Salami, 1978 in Finnland als Tochter eines Nigerianers und einer Finnin geboren, wuchs in Nigeria auf und arbeitet heute in London als Journalistin. Ihr Buch „Sinnliches Wissen“ erschien bereits in den USA, Großbritannien, Finnland und Spanien.

 

Scott, Linda: Das weibliche Kapital. München: Hanser 2020
Das weibliche Kapital – Bücher – Hanser Literaturverlage (hanser-literaturverlage.de)

Gleichberechtigung ist kein Luxusprojekt, sondern Grundlage unseres Wohlstandes – die Pflichtlektüre zum wirtschaftlichen Potential der Frauen

Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich gehört zu den drängendsten Problemen der internationalen Politik. Die Suche nach Lösungen wird stetig intensiviert – und hat doch einen blinden Fleck: die Rolle der Frauen.

„Das weibliche Kapital“ liefert die wissenschaftlichen Grundlagen für den entscheidenden nächsten Schritt. Anhand eigener Forschung, empirisch belegt und mit zahlreichen Fallbeispielen, zeigt Linda Scott, dass die Gleichstellung der Geschlechter kein Luxusprojekt des reichen Westens ist, sondern der aussichtsreichste Schlüssel zur Armutsbekämpfung. Damit schließt sie eine Lücke, die die großen Entwürfe von Thomas Piketty und Jeffrey Sachs in den vergangenen Jahren offen gelassen haben.

Linda Scott hat mit „Das weibliche Kapital“ ihr Lebenswerk vorgelegt. Die emeritierte Professorin für Entrepreneurship und Innovation an der Universität Oxford ist für ihre jahrzehntelange Forschung zur wirtschaftlichen Rolle der Frauen – der XX-Ökonomie – rund um den Globus vom Prospect Magazine zweimal unter die Top 25 of Global Thinkers gewählt worden. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit berät sie UN-Panels, Think Tanks und international tätige Unternehmen.

„Kulturzeit“-Gespräch mit der Oxford-Ökonomin Linda Scott über die wirtschaftliche Rolle der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter als Schlüssel zum Wohlstand. (20.10.2020)
Linda Scott über “Das weibliche Kapital” – ZDFmediathek

SWR2: Eva Karnofsky über Linda Scott – Das weibliche Kapital (28.09.2020) https://www.swr.de/swr2/literatur/linda-scott-das-weibliche-kapital-100.html

 

Seager, Joni: Der Frauenatlas. Ungleichheit verstehen. Bonn: bpb 2021
https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/337023/der-frauenatlas

Die Benachteiligung von Frauen in nahezu allen Lebensbereichen hält in vielen Teilen der Welt an: Diskriminierung, Unrecht, Gewalt, erzwungene Unterordnung, sexuelle Übergriffe und Ausbeutung, Kleidungsvorschriften und vieles mehr. Der Atlas zeigt, was wo in welchem Ausmaß anzuprangern ist.

Auch im 21. Jahrhundert sind weltweit Frauen von Benachteiligung und teils lebensbedrohlicher Ungleichheit in vielen Lebensbereichen betroffen. Diskriminierung, Unrecht oder Gewalt erfahren Frauen etwa bei der Pflicht, sich männlicher Autorität unterzuordnen, beim Zwang zu unbezahlter Arbeit, durch Verhütungsverbote und Sextourismus, bei verwehrter Bildung, durch Kleidungsvorschriften sowie bei Nachteilen etwa in der Gesundheitsvorsorge oder im Erbrecht.

Joni Seager, Professorin für Global Studies und Beraterin für weltweite Politikstrategien, hat Erhebungen internationaler Organisationen sowie eine Vielzahl von Untersuchungen zu 164 Infografiken und Karten verdichtet, welche die Verbreitung und das Ausmaß von Ungleichheit visualisieren. Sie illustrieren schreiende Missstände ebenso wie subtile Formen der Ausgrenzung und sparen dabei die reichen Demokratien des globalen Nordens nicht aus. Zugleich lassen sie erkennen, auf welchen Feldern Fortschritte erzielt wurden und wo weiterhin dringender Handlungsbedarf besteht, um die Gleichheit der Geschlechter bei Rechten und Chancen zu erlangen.

 

Shparanga, Olga: Die Revolution hat ein weibliches Geschlecht. Berlin: Suhrkamp 2021
https://www.suhrkamp.de/buch/olga-shparaga-die-revolution-hat-ein-weibliches-gesicht-t-9783518127698

Eine Freiheitsbewegung in Europa – weiblich, friedlich, postnational

Minsk im Sommer 2020. Eine junge Frau im ärmellosen weißen Hemd tänzelt vor einer schwarzen Mauer aus martialisch vermummten Sondereinsatzkräften: Bilder wie diese gingen um die Welt. Der Brutalität des Regimes setzen Hunderttausende mutige Bürgerinnen und Bürger aller gesellschaftlicher Schichten Gewaltfreiheit, kreative Vielfalt und dezentrale Selbstorganisation entgegen.

Was sich seit den Präsidentschaftswahlen am 9. August 2020 in Belarus abspielt, geht über eine regionale Protestbewegung gegen gefälschte Wahlen weit hinaus. In Minsk und vielen anderen Städten des weithin unbekannten Landes zwischen Russland und der EU wird Geschichte geschrieben. Weiblich, friedlich, postnational – so charakterisiert die Autorin die Umwälzung in ihrem Land und stellt die Ereignisse in den Kontext europäischer und globaler Emanzipationsbewegungen.

Olga Shparaga, geboren 1975, lehrt Philosophie am European College of Liberal Arts in Minsk. Sie ist Mitglied der feministischen Gruppe des Koordinationsrats, des politischen Organs der Opposition gegen den Diktator Alexander Lukaschenko.

 

Stokowski, Margarete: Untenrum frei. Hamburg: Rowohlt 2018
https://www.rowohlt.de/autor/margarete-stokowski-18163

In „Untenrum frei“ erzählt die Autorin und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski, wie es ist, als Mädchen in Deutschland aufzuwachsen. Sie schreibt von unzulänglichem Aufklärungsunterricht, von Gewalterlebnissen, von Sex und von Liebe und zeigt: Noch immer besteht mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit eine kollektive Schieflage. Für Veränderung im Großen, so Stokowskis These, bedarf es den Blick auf die Details. Ein persönliches, provokantes und befreiendes Buch.

Margarete Stokowski, geboren 1986 in Polen, lebt seit 1988 in Berlin. Sie studierte Philosophie und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet als freie Autorin. Ihre wöchentliche Kolumne „Oben und unten“ erscheint seit 2015 bei Spiegel Online. 2019 wurde sie für ihre Texte mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet. „Untenrum frei“, ihr Debüt, avancierte zu einem Standardwerk des modernen Feminismus.

 

Stoverock, Meike: Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation. Stuttgart: Klett-Cotta 2021
https://www.klett-cotta.de/autor/Meike_Stoverock/138707

Wie Männer sich die Macht über Frauen nahmen und warum das jetzt aufhört

In der Natur kontrollieren Weibchen den Zugang zu Sex. Die Biologie nennt das FEMALE CHOICE. Bis zur Sesshaftwerdung galt das auch für den Menschen. Doch dann schufen die Männer eine Zivilisation unter Ausschluss der Frauen. Doch die finden langsam zu ihrer natürlichen Stärke zurück. Uralte Geschlechterverhältnisse sind endlich in Bewegung. Die Zeit ist reif, das Zusammenleben von Frauen und Männern neu zu denken.

„Wo und wann nahm die Ungleichheit der Geschlechter ihren Anfang? Über dieses Buch wird debattiert und gestritten werden! Das ist gut, denn dann müssen es viele Menschen lesen!“ Petra Hartlieb

FEMALE CHOICE ist ein Fachterminus aus der Biologie, der die Fortpflanzungsstrategie der allermeisten Lebewesen beschreibt. Hierbei müssen Männchen eine Leistung erbringen, um sich mit einem Weibchen zu paaren. Denn für das Weibchen ist Fortpflanzung viel aufwendiger. Sie ist wählerisch, er anspruchslos. Er geht auf Masse, sie auf Klasse. Er konkurriert, sie entscheidet.

Doch im Laufe der Geschichte unserer Zivilisation hatten die Frauen bisher kaum eine Wahl. Mit der Landwirtschaft wurden die Menschen sesshaft und die Frauen aus der Öffentlichkeit ins private Heim gedrängt. Erst seit – evolutionsbiologisch – sehr kurzer Zeit können Frauen die Welt mitgestalten. Und nun gerät die männliche Ordnung ins Wanken.

Überall formiert sich männlicher, zum Teil gewaltbereiter Widerstand. Was nun? Klug, provokant und anschaulich beschreibt Meike Stoverock nicht nur, wo die Menschheit vor über 10 000 Jahren falsch abgebogen ist, sondern auch, was sich ändern muss, damit Männer und Frauen eine gemeinsame Zukunft haben.

Meike Stoverock studierte Biologie mit Schwerpunkt Evolutionsökologie und promovierte im Bereich Epidemiologie. Die komplexen Wechselwirkungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt sind ihr besonderes Steckenpferd. Seit der #Aufschrei-Aktion 2013 beteiligt sie sich immer wieder an Geschlechter- und Gesellschaftsdebatten.

 

Tolokonnikowa, Nadja: Anleitung für eine Revolution. München/Berlin: Hanser 2016
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/anleitung-fuer-eine-revolution/978-3-446-24774-1/?PTBUCH=BUCH

Nadja Tolokonnikowa von Pussy Riot ermutigt uns zum Protest für Freiheit und Menschenrechte

Mit zehn Jahren wird Nadja Tolokonnikowa Feministin, mit sechzehn Philosophiestudentin, mit einundzwanzig Mitbegründerin der Band Pussy Riot. Mit ihrem Punk-Gebet macht die Gruppe die Welt 2012 auf die Verquickung von Kirche und Staatsmacht in Russland aufmerksam.

Als Putins Richter sie verurteilen, nutzt sie die Bühne des Gerichts für eine Verteidigung der Freiheit und der Menschenrechte. Und während ihr Land sich der autokratischen Herrschaft ergibt, beharren sie und ihre Mitstreiterinnen darauf, dass Widerstand möglich ist.

„Anleitung für eine Revolution“ erzählt Nadja Tolokonnikowas Geschichte, und zugleich ist es ihr Manifest. Es handelt vom Kampf gegen ein System, in dem nur frei ist, wer sich anpasst.

Nadeschda Tolokonnikowa (geboren 1989) wuchs in Norilsk auf, einem der am schlimmsten umweltbelasteten Orte der Welt. Mit sechzehn Jahren begann sie ihr Philosophiestudium in Moskau, wo sie sich der künstlerischen Avantgardeszene anschloss und die Bewegung Pussy Riot mitbegründete.

Nach dem „Punk-Gebet“, mit dem Pussy Riot die enge Verflechtung von Kirche und Staat in Russland kritisierten, wurde sie 2012 zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt. Seit ihrer Freilassung engagiert sich die Politaktivistin für menschlichere Bedingungen im russischen Strafvollzug. Nadeschda lebt mit ihrem Mann und ihrer siebenjährigen Tochter in Moskau.

 

Walden, Tillie: Auf einem Sonnenstrahl. Berlin: Reprodukt 2021
https://www.reprodukt.com/Produkt/graphicnovels/auf-einem-sonnenstrahl/

Die junge Comic-Künstlerin Tillie Walden schickt eine weiblich-genderfluide Crew auf einen Selbsterkundungstrip bis ans Ende der Galaxie. (…) In diesem entrückten ozeanischen Universum wandeln die Menschen ohne Raumanzug durch die Schwerelosigkeit – allesamt Frauen oder zumindest nicht eindeutig Männer.

Ganz selbstverständlich haben sie zwei Mütter, keine Väter: Ob sich das Konzept Männlichkeit evolutionär erledigt hat, die Männer zum Mond geschossen wurden oder nur zufällig nicht vorkommen [wie im Patriarchat vielfach Frauen unsichtbar bleiben; Anm. der COP-Redaktion], bleibt so unerklärt wie die Tatsache, dass niemand eine Flasche braucht zum Atmen. (…)

Gerade weil Männer in der Geschichte völlig fehlen, öffnet sich ein weiter Raum für das Ausmalen unterschiedlichster Frauenrollen. (…) Ein Raum für weibliche und queere Identitäten. (…) Waldens Abenteuergeschichte will kein Statement zur heißlaufenden Debatte um Geschlechter- und Identitätsfragen sein. Dafür interessiert sich ihre Schöpferin zu sehr für die individuellen Nöte und Talente ihrer Crew. (…)

Tillie Walden inszeniert eine in den denkbar größten Maßstab projizierte Innerlichkeit, wie sie typisch ist für die Turbulenzen des Coming-of-Age.
Zitiert aus einer Rezension von Christian Staas in: Die Zeit, 03.08.2021
https://www.zeit.de/2021/32/tillie-walden-comic-roman-kunst-queerness?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F

 

Wiedemann, Carolin: Zart und frei. Berlin: Matthes & Seitz 2021
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/zart-und-frei.html

Es gibt derzeit kaum ein Thema, mit dem sich so viel Hass mobilisieren lässt wie mit Genderpolitik. Das Ressentiment reicht vom Spott über das Gendersternchen bis zu den Manifesten rechtsradikaler Terroristen. Carolin Wiedemann zeigt in ihrer eindringlichen Analyse, dass der antifeministische Diskurs ein zentrales Element des politischen Rechtsrucks ist – und bis in die politische Linke Sympathisanten hat.

Dagegen hilft keine individualisierte Verweigerung und auch kein neoliberales Durchschlagen, sondern nur kollektive queerfeministische Praxis. Die Autorin stellt neue (antipatriarchale) Beziehungs- und Verhaltensweisen wie Co-Parenting und Post-Romantik vor, mit denen schon vielerorts ein zarter Umgang miteinander erprobt wird, der auch jene befreien wird, die noch immer unter Druck stehen, ihre Männlichkeit zu beweisen.

Eine radikale Analyse der Gewalt heutiger patriarchaler Herrschaft, eine Anstiftung zum rebellischen und zärtlichen Miteinander und ein Mutmacher für all jene, die sich seit Langem mit sexistischen Geschlechterverhältnissen auseinandersetzen, sie bekämpfen und ihnen im Alltag doch so oft nicht entkommen.

„Carolin Wiedemann analysiert eindrucksvoll, warum es sich lohnt, für ein besseres Leben für alle dem Patriarchat den Kampf anzusagen – gerade in Zeiten des Rechtspopulismus eine unverzichtbare Lektüre.“ Anna Mayrhauser

„Eine beeindruckende und dringliche Analyse des Zusammenhangs von Antifeminismus und Gewalt heute – und eine Handreichung, was gegen beides zu tun ist.“ Klaus Theweleit

 

Young, Iris Marion: Werfen wie ein Mädchen. Ein Essay über weibliches Körperbewusstsein. Deutsche Erstausgabe. Ditzingen: Reclam 2021
https://www.reclam.de/detail/978-3-15-961774-9/Young__Iris_Marion/Werfen_wie_ein_Maedchen__Ein_Essay_ueber_weibliches_Koerperbewusstsein__EPUB_

„Das ist zu gefährlich für dich! Mach dich nicht schmutzig!“ Erziehungsgrundsätze wie diese sorgen dafür, dass Mädchen eine körperliche Zurückhaltung entwickeln. Doch warum werden Mädchen so häufig konditioniert, ihre Körper als derart zerbrechlich zu empfinden? Und wie wird Körperwahrnehmung gesellschaftlich konstruiert, und zwar auch jenseits der Sphäre der Erziehung?

Iris Marion Youngs Aufsatz gilt als Klassiker der feministischen Theorie. Die Politikwissenschaftlerin macht auf die empirischen Unterschiede männlichen und weiblichen Körperverhaltens aufmerksam und lenkt den Blick auf geschlechtsbedingte Ungerechtigkeiten, die noch heute der Überwindung harren.

Iris Marion Young (1949–2006) war Professorin für Politikwissenschaft an der University of Chicago. Zahlreiche Arbeiten zur feministischen Theorie sowie Beiträge zur Philosophie der Gerechtigkeit und zur Demokratietheorie.

F I L M E

Antonias Welt
https://www.alamodefilm.de/medium/detail/antonias-welt.html

Regie: Marleen Gorris
Hauptrolle: Willeke van Ammelrooy

Grandiose Familiensaga um das Schicksal von vier Frauengenerationen, ausgezeichnet mit dem Auslands-Oscar 1996. Unverändert mein ganz persönlicher Top-Film zum Thema „Rape-Revenge“: Hier stellt sich die Protagonistin in gleich zwei folgenden Generationen hinter ihre Tochter bzw. Enkelin, die sexualisierte Gewalt erfahren. Durch ihr gleichermaßen gewaltfreies wie machtvolles Agieren bewirkt sie die angemessene Bestrafung des Täters.

Vierzig Jahre bewegtes, ereignisreiches Leben der selbstbewussten, von Männern unabhängigen Antonia, deren Hof zu einem Auffangbecken für Außenseiter und schrullige Individuen wird. Am Tag ihres Todes blickt die ausgebrannte Sterbende zurück und lässt die Erinnerungen an Tochter, Enkelin, Urenkelin und deren selbstbestimmte Entwicklung Revue passieren.

„Antonias Welt“ erzählt die Lebensgeschichte von Antonia und ihren – weiblichen- Vorfahren. Eine ungewöhnliche Familiensaga, eine matriarchale Utopie in unserer Zeit, erzählt mit einer wunderbaren Leichtigkeit, voller Witz und Melancholie. Ein Film über starke Frauen, Liebe und Toleranz, Lebenslust und Menschlichkeit.

„Kraftvolle, vitale Familiensage über vier Generationen, die Geschichte einer unabhängigen Frauendynastie, mythische Utopie und provozierendes Gegenbild in einem, durch dessen märchenhaft-erzählerischen Charakter wichtige Grundanliegen der Emanzipationsbewegung anschaulich ins Gedächtnis gerufen werden.“ (Filmdienst)

Marleen Gorris’ Welt. Alice Schwarzer über die Regisseurin in der EMMA vom 01.06.1996
https://www.emma.de/artikel/marleen-gorris-welt-265591

 

The Case you

Regie: Alison Kuhn
Deutscher Dokumentarfilmpreis 2021 – Gewinner in der Kategorie Kultur
https://www.swr.de/swr-doku-festival/gewinner-in-der-kategorie-kultur-the-case-you-100.html

Fünf Schauspielerinnen haben an einem Casting teilgenommen, bei dem es zu sexuellen und gewaltsamen Übergriffen kam. In einem geschützten Raum ergründen die jungen Frauen gemeinsam, was damals geschah und was die Geschehnisse für ihre Gegenwart bedeuten.

„Ein Probenraum, fünf junge Frauen, zum Teil haben sie einander lange nicht gesehen. Was sie verbindet, ist eine Erfahrung, die sie lieber vergessen würden und nun vor der Kamera besprechen. Was junge Schauspielerinnen und Schauspieler beim Casting durchmachen, bleibt meist diffus. Irgendwie spukt die Besetzungscouch in den Köpfen und die Vorstellung, auf die Rolle zu verzichten, sei doch eine Option gewesen.
Was Alison Kuhn hier sehr junge Schauspielerinnen in ‚The Case you‘ schildern lässt, ist dann ernüchternd klar. Erst denkt man: Ein Massencasting, was kann da schon passiert sein? Eine ganze Menge. Es ging um die Rolle einer 15-Jährigen in einem Film über Missbrauch, und die Bewerberinnen wurden einem Regisseur, einer Produzentin, älteren Schauspielern ausgeliefert:
Die fünf schildern, wie sie in ein Spiel hineingedrängt wurden, bei dem bald nicht mehr erkennbar war, wo der Ernst anfängt – vom Regisseur, der Produzentin, anderen, viel erfahreneren Schauspielern, Namen werden nicht genannt. Dann erzählen sie, dass diese alte Geschichte aktuell bleibt, weil die nackten Seelen und Körper dabei gefilmt wurden und dann in einem Dokumentarfilm landeten – besser kann man Machtmissbrauch kaum erklären.“ Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung vom 05.05.2021
https://www.sueddeutsche.de/kultur/dokumentarfilm-dokfest-film-tipps-1.5284330

Regisseurin Alison Kuhn im Gespräch mit Sigrid Faltin
https://www.swr.de/swr-doku-festival/dokumentarfilm-the-case-you-interview-mit-der-regisseurin-alison-kuhn-100.html

 

Promising Young Woman

Regie: Emerald Fennell
Hauptrolle: Carey Mulligan

„Der Kino-Thriller ‚Promising Young Woman‘ erzählt von sexueller Gewalt gegen Frauen. Hauptdarstellerin Carey Mulligan gibt eine souveräne Rächerin. (…) In der Filmhistorie wurde Rape-Revenge (wie alles andere) meist von Männern inszeniert. (…) Die britische Regisseurin Emerald Fennell hat mit ihrem selbst geschriebenen (und mit einem Drehbuchoscar prämierten) Debüt ‚Promising Young Woman‘ einen gnadenlosen und exzeptionellen Film gedreht. Gnadenlos, weil sie dem Verhalten der Männer keinerlei Absolution erteilt: ‚Ich bin ein netter Kerl‘, winselt einer, nachdem Cassie ihn zur Rechenschaft gezogen hat. Nett – und enorm übergriffig. Eine Minute zuvor hat er versucht, der regungslosen Frau Koks ins Zahnfleisch zu reiben …
https://taz.de/MeToo-Thriller-Promising-Young-Woman/!5788424/

Rachefeldzug gegen sexualisierte Gewalt. Rezension von Bettina Peulecke: NDR 18.08.2021
Es ist das Regie-Debüt von Emerald Fennell: „Promising Young Woman“ wird gern als „#MeToo-Rache-Thriller“ beschrieben. Die 35-jährige Britin erhielt für das Drehbuch einen Oscar.
Filmtipp: “Promising Young Woman” mit Carey Mulligan | NDR.de – Kultur – Film – tipps

Einmal Rache, kalt und pink. Rezension von Maria Wiesner: FAZ.net 19.08.2021
Oscarpreisträgerin Emerald Fennell gießt Zucker ins „Rape-and-Revenge“-Genre. Im Thriller „Promising Young Woman“ lässt sie Carey Mulligan mit den Folgen einer Vergewaltigung kämpfen.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/neu-im-kino-carey-mulligan-als-racheengel-in-promising-young-woman-17490640.html

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