| Zeit der Poetin

Die Macht der Leere

Eine alte Weisheit in sieben verschiedenen Übersetzungen.

Zusammengestellt von Birgitt Morrien

 

1. Lesart

Dreißig Speichen gehören zu einer Nabe, 
doch erst durch das Nichts in der Mitte
kann man sie verwenden; 
man formt Ton zu einem Gefäß,
doch erst durch das Nichts im Innern
kann man es benutzen;
man macht Fenster und Türen für das Haus,
doch erst durch ihr Nichts in den Öffnungen
erhält das Haus seinen Sinn.

Somit entsteht der Gewinn
durch das, was da ist,
erst durch das, was nicht da ist.

 

Quelle: Lao-tse: Tao-te-king
Übersetzung: Hans Knospe und Odette Brändli
Diogenes 1985

 

2. Lesart

Dreißig Speichen treffen auf eine Nabe:
                   Gemäß ihrem Nicht-sein ist des Wagens Gebrauch.

Man erweicht Ton, um ein Gefäß zu machen:      
                   Gemäß seinem Nicht-sein ist des Gefäßes Gebrauch.

Man bricht Tür und Fenster aus, um ein Haus zu machen:
                   Gemäß ihrem Nicht-sein ist des Hauses Gebrauch.

Darum: Das Sein bewirkt den Nutzen.
                    Das Nicht-sein bewirkt den Gebrauch.

  

Quelle: LAOT-TSE / Tao Te King
Erste deutsche Übersetzung: Victor von Strauß (1870), 
angeregt durch Gräfin Louise zu Stolberg-Stolberg
Manesse Verlag 2009

 

3. Lesart

dreißig speichen umringen die nabe
wo nichts ist
liegt der nutzen des rads

aus ton formt der töpfer den topf
wo er hohl ist
liegt der nutzen des topfes

tür und fenster höhlen die wände
wo es leer bleibt
liegt der nutzen des hauses

so bringt seiendes gewinn
doch nichtseiendes nutzen

 

Quelle: Laudse Daudedsching (Lao-tse: Tao-te-king)
Übersetzung: Ernst Schwarz 
Reclam-Verlag 1978

 

4. Lesart

Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.

Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.

 

Quelle: 

Laotse / Tao Te King / Das Buch vom Sinn und Leben
Übersetzung: Richard Wilhelm (1910)
Eugen Diederichs Verlag 1957

 

5. Lesart

Dreißig Speichen kommen in Einer Nabe zusammen; aber nur dadurch, daß diese ein leeres Innere hat, wird es möglich, den Wagen zu gebrauchen. Man mischt Erde mit Wasser zu Ton und macht Gefässe daraus; aber nur der leere Raum der Gefasse macht sie brauchbar. Man bricht Türen und Fenster in die Wand, um ein Haus herzustellen; aber nur, weil sie etwas Leeres sind, ist das Haus zu brauchen. So dient also das Stoffliche dazu, etwas Nutzbares zu schaffen, das Unstoffliche, den (wirklichen) Gebrauch zu ermöglichen.

 

Quelle:
LAO-TSZES BUCH VOM HÖCHSTEN WESEN UND VOM HÖCHSTEN GUT (TAO-TE-KING)
Übersetzung: Julius Grill
Verlag von J.C.B. Mohr 1910
 

 

6. Lesart

Dreißig Speichen treffen die Nabe /
Die Leere dazwischen macht das Rad.
Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen /
Die Leere darinnen macht das Gefäß.
Fenster und Türen bricht man in Mauern /
Die Leere damitten macht die Behausung.
Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes.
Das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.

 

Quelle: Laotse. Tao Te King
Übersetzung: Walter Jerven (1928)
Otto Wilhelm Barth Verlag 1967

 

7. Lesart

Wir fügen Speichen in einem Rad zusammen, 
aber es ist das Loch in der Mitte, 
das die Bewegung des Wagens bewirkt.
Wir formen Ton zu einem Topf,
aber es ist die Leere darin,
die das gewünschte enthält.
Wir zimmern Holz für ein Haus,
aber es ist der Innenraum,
der es bewohnbar macht.

Wir arbeiten mit Seiendem,
doch Nichtsseiendes macht den Nutzen aus.

 

Quelle: Laotse. Tao Te King
Übersetzung: Stephen Mitchell 
Goldmann 2oo3 

 

 

Hinweis: Die älteren Ausgaben des Tao Te King fand Birgitt Morrien im ANTIQUARIAT IM WEYERTAL. Dort berät Klaus Willbrand seine Kundinnen und Kunden kompetent insbesondere im Hinblick auf philosophische Veröffentlichungen. Kein Wunder, denn das im Schwerpunkt philosophisch ausgerichtete Sortiment des gelernten Buchhändlers genießt in Köln einen ausgezeichneten Ruf.

Kontakt: 0176.29278631 
klaus.willbrand@gmail.com

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