Sich was trauen

Birgitt Morrien

Wir sind in der Mitte des Prozesses. Meine Klientin hat ihre Vision bereits entwickelt. Ein Atelier, in dem sie sich gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen schöpferisch verwirklichen wird. Aber das ist eine Vision für die nächsten 10 Jahre. Doch jetzt ist jetzt. Und was soll sie jetzt tun?

Sie kommt herein und ist völlig erschöpft von einem langen Arbeitstag. Sie arbeitet als Lehrkraft an einer Privatschule für lernbehinderte Kinder. Ein Broterwerb, dem sie jedoch nur halbherzig nachgeht, weil ihre künstlerischen Ambitionen dabei praktisch auf der Strecke bleiben.

In den Pausen und abends, wenn die Kraft nach häuslichen Erledigungen noch reicht, „kritzelt sie“, sagt sie, „dies und das. Nicht ernst zu nehmen“, weiß sie. „Halt Skizzen und Zeugs.“ Was auch sonst, denn in der Kürze der Zeit sei einfach nicht mehr drin.

Sie empfindet ihren Alltag zugleich als Unter- und Überforderung. Pädagogisch sei die Arbeit extrem anspruchsvoll, mitunter auch belastend. Und da ihr nur der geringste Teil der Zeit für ihre eigene Kunst bleibe, fühle sie sich an dem Punkt „maximal unterfordert“.

Die Krise als sinnhafte Lektion
Dieses Spannungsfeld soll nun irgendwie bewältigt werden. Die hohe Kunst des Krisenmanagements will gelernt sein, sodass sich das Drama irgendwann kreativ lösen kann. Doch sind die augenblicklichen Zumutungen des Alltags zunächst einmal noch auszuhalten, vielleicht gar anzunehmen. Und das gelingt besser, wenn wir den Sinn darin erahnen können, wenn sich uns die als Krise empfundene Zeit als notwendige Lektion für unser Leben und Schaffen offenbart, und sei es nur für einen kurzen Moment.

Ich erzähle ihr von Clarice Lispector, die gezwungen war, über Jahre ihren Lebensunterhalt als Auftragsschreiberin zu bestreiten. Dabei begehrte sie nichts mehr als das freie Schreiben, Romane! Jedoch waren es im Rückblick betrachtet genau ihre Kolumnen für das Jornal do Brasil, die sie einem großen Publikum bekannt machten. Mehr noch, diesen redaktionellen Jahren folgte schließlich eine extrem produktive Schaffensphase, denn die Brotkunst hatte sie darin geübt, unter Druck viel und gut zu schreiben.

Dann fällt mir Mary Wigman ein, die es sich als Erwachsene in den Kopf gesetzt hatte, professionell tanzen zu wollen. Und alle um sie herum hielten sie für total verrückt geworden. Schließlich muss eine Tanzkarriere früh beginnen, wenn sie gelingen soll, das weiß doch jedes Kind.
Mary aber war entschieden: Wenn sie sich altersbedingt den Anforderungen des professionellen Tanzes nicht anpassen konnte, dann musste sich der Tanz eben ihren Möglichkeiten unterordnen. Und so entwickelte sie Tanz als Performance und wurde zur Pionierin des Ausdruckstanzes.

Über Schatten springen
Meine Klientin ahnt, sie muss, was sie will, jetzt tun. Ihre „kleine Kunst“ ernst nehmen und sich damit zeigen. „Wenn Sie Angst davor haben, mit dem, was bereits in Ihren Mappen schlummert, rauszugehen, brauchen wir hier gar nicht weiterzumachen“, sage ich herausfordernd. „Was werden Sie also tun?“

Sie stutzt, doch leuchten ihre Augen unverhofft auf: „Ich kann meine Arbeiten in meiner Schule ausstellen, das ist sicher kein Problem. Es gibt Freunde, die die Arbeiten fotografieren und ins Netz stellen können.“ Der Knoten ist geplatzt. Sie hat einen neuen Zugang zu sich selbst gefunden und den Mut, ihre Arbeit neu zu bewerten. Befreit von früheren Selbstbeschränkungen ist sie in ihre eigene Autorität getreten.

„Wie sich die Kids freuen werden!“, sage ich. „Welchen Mut sie schöpfen können daraus, zu erleben, wie Sie sich mit dem Skizzenhaften, dem nicht Perfekten, dem Fragmentarischen, dem ganz und gar nicht Perfekten zeigen. Wie Sie sich dem Urteil der anderen aussetzen und die Möglichkeit der Kritik beherzt in Kauf nehmen. Wie Sie für sich reklamieren, dies sei Kunst, nämlich Ihre Kunst. Einfach, um zu sein, die Sie sind und ja auch sein müssen, eine Künstlerin.“

Sie atmet tief auf. Es ist, als könne sie sich in diesem Moment endlich einmal entspannen. Sie scheint deutlich zu spüren, richtig zu sein, einfach zu stimmen. Nichts weiter tun zu müssen, als die zu sein, die sie ist, und sich darin zu zeigen. Ihr Leben als Kunstwerk. Krickelkrakel, ha!

Wer weiß, wer ihre Arbeiten wo entdecken wird. Welche Erwachsenen demnächst durch die Schule spazieren werden, Eltern der Kinder oder Besucherinnen und Besucher an einem Tag der offenen Tür oder zum Elternsprechtag. Wer im Netz über die Arbeiten stolpert und sich spontan in den gelungen inszenierten Charme ihrer „kleinen Kunst“ verguckt. Was passieren wird, wir wissen es nicht, nur dass es passieren wird, so viel ist klar. Denn wir schaffen gerade die Konditionen, die den Weg zur Verwirklichung unserer Vision ebnen werden, durch kleine Schritte. Jetzt.   

 

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Ein Gedanke zu “Sich was trauen

  1. Hallo, danke für diesen sehr schönen Artikel es sind sehr interessante Themen die einen erst mal drüber nachsenken lassen.

    MfG Alexander

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