Das Lebenspuzzle neu zusammengesetzt oder: Mach mich sehen, was ich nicht sehen will

Niederlassung geschlossen. Job verloren. Ulrike Backs geht es wie so vielen. Doch sie merkt, dass nun eine grundlegende Veränderung in ihrem (Berufs-)Leben ansteht, nur hat sie keine Vorstellung, wie diese Veränderung aussehen könnte. Im Coaching mit DreamGuidance bei Birgitt Morrien lernt sie sich und ihre Beweggründe nach und nach besser kennen, erfährt, dass sie ohne Herzblut nicht mehr arbeiten will, und macht eine unerwartete Entdeckung. (Coaching-Story 41)

 
Ulrike Backs

Ich hatte meinen Job verloren, so wie meine 239 Kolleginnen und Kollegen auch. Gut bezahlt, äußerst nettes und kollegiales Miteinander, eine sichere Branche – ein Glücksfall, bestens geeignet, mein Job für viele Jahre, gar Jahrzehnte zu werden. Bei meinem „unsteten“ Lebenslauf. Eine Reihe von Arbeitgebern und dann noch vor diesem Job die 18-monatige Arbeitslosigkeit, ich gestattete mir keine weiteren Experimente mehr.

7 Monate nachdem ich die Stelle angetreten hatte, beschloss man, harmlos als notwendige Umstrukturierung getarnt, das historisch gewachsene Flussbett auf seiner gesamten Länge zu begradigen sowie die alten Bäume am Ufer herauszureißen und durch Compliance, Outsourcing, We-are-family zu ersetzen. Die Uferstraße lud nicht länger ein, beim Fahren auf das Wasser und das Grün zu schauen und sich daran zu freuen. Man hob das Tempolimit überhaupt ganz auf, jeder musste höllisch aufpassen, nicht über den Haufen gefahren zu werden. Näheres entnehmen Sie bitte Ihrem Aufgabenbereich und Ihren Zielvereinbarungen.

3,5 Jahre nachdem ich die Stelle angetreten hatte, teilte man uns mit, man werde die Niederlassung schließen. Ich landete weich auf einem Sozialplan, und wie um mich zu bestärken, fand ich innerhalb von 2 Monaten einen neuen Job. Bilderbuch.

O. k., ich hatte den Job eigentlich nicht nehmen wollen. Dennoch beteuerte ich allseits, dass ich mir das zutraute, unter anderem die winterliche Hetzjagd auf der Autobahn, bis ich selbst daran glaubte. Als ich den Job angetreten hatte, gelang es mir leider und plötzlich nicht mehr, weiterhin zu ignorieren, dass etwas nicht passte. Nach zähem Ringen mit mir selbst kündigte ich nach ein paar Wochen und hatte das unermessliche Glück, nochmals in den Sozialplan zurückkehren zu können. Praktisch, und ob.

 

Was tun?

Doch was ist zu tun, wenn ich überhaupt keinen ähnlichen Job mehr will, obwohl ich die letzten 20 Jahre und beruflich nie etwas anderes getan habe als Assistentin zu sein in einem international tätigen Unternehmen, jedoch nicht eine einzige Silbe eines Alternativplans anzubieten habe? Das konnte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch gar nicht so formulieren, dazu mussten erst noch einige Monate vergehen. Ich verfügte über ein Übersetzerdiplom, Englisch und Spanisch. Schön, Sprachen braucht man heute; und was hast du sonst noch studiert? Ich hatte in dem Beruf kaum gearbeitet, bereute es aber auch nicht. Dabei hatte es mir an Berufswünschen nicht gefehlt, als es darum ging, welche zu haben; ich wollte Psychologin werden, Buchhändlerin, Dokumentarin, letztlich Beschäftigungstherapeutin, was heute Ergotherapie heißt. Doch ich studierte Sprachen.

Die Wochen vergingen. Irgendetwas würde passieren, es musste irgendetwas passieren. Derweil freute ich mich jeden Tag, meine Schwung- und Schreibübungen zu machen, um mich auf meine linke Hand zurückzuschulen. Ein Buch zum Thema Umschulung der Händigkeit und deren Folgen hatte 2 Jahre zuvor meinen Verdacht bestärkt, ich sei Linkshänderin. Ich ließ mich testen, der Verdacht wurde zur Gewissheit. Auch wenn Zeiten des Umbruchs nicht passend dafür sein mochten, beschloss ich kurz nach der Ankündigung der Betriebsschließung, mir meinen Traum zu erfüllen und mit links schreiben zu lernen, denn wann würde mein Leben in den idealen, ruhigen Bahnen verlaufen? In einem neuen Job? Umschulung der Händigkeit eroberte mühelos den Platz als mein zu der Zeit aktuelles Lieblingsthema. Diese angeborene Dominanz einer Hand, die letztlich nur zeigt, welche der Gehirnhälften die Chefhälfte ist. Bei mir ist die „richtige“ Hälfte die rechte Hälfte.

Die Wochen vergingen, und natürlich passierte nichts weiter. Immerhin auch nichts, was mich in irgendeine Richtung gedrängt hätte, doch wieder einmal kam niemand, um mich an die Hand zu nehmen und in eine für mich gute Richtung zu führen. Nicht „es“ würde passieren, sondern „mir“ würde etwas einfallen müssen. Dabei stellte ich eigentlich nur eine Bedingung an meinen neuen Job: Ich wollte Herzblut dabei vergießen. Das fühlte sich stimmig an, weiter kam ich nicht.

 

Coaching für eine neue Perspektive

Ja, natürlich weiß ich, dass es an jedem Job auch Seiten gibt, die man nicht mag. Leider scheint der Job vieler Menschen, wenn nicht gar der meisten, vorwiegend oder sogar ausschließlich aus solchen Seiten zu bestehen. Ich hingegen will, dass mir meine Arbeit Spaß macht. Ich will jemand sein, der nicht im Traum daran denkt, in Rente zu gehen; eine Einstellung, die mir auch schon Rückmeldungen eingebracht hat, die argwöhnen, ob ich mich in Wahrheit nicht nur vor dem Arbeiten drücken will. Ich konnte nicht erklären warum, sondern nur dass ich das so sehe. Warum tun Menschen das: sich Jahrzehnte durch ein Arbeitsleben schleppen, bei dem kein Tropfen Herzblut fließt? Woher rührt diese Angst, dass man den Hungertod sterben wird, wenn man sich erlaubt, beruflich seine Träume zu verwirklichen? Als sei ich es den anderen schuldig, ein ebensolches Arbeitsleben abseits von Herzblut und Lebensträumen hinter mich zu bringen.

Eine Freundin schlug mir vor, mir einen Coach zu suchen, der mir helfen würde, Licht in die Sache zu bringen, mittels eines themenbezogenen Coachings, irgendetwas, das es mir ermöglichen würde, in eine ganz neue Richtung zu denken.

Ich suchte also ein Coaching, das mir helfen würde, herauszubekommen, was ich wollte, und das auch Themen wie Händigkeit, das eigentlich alle Themen, die mich interessierten und jemals interessiert hatten, für bedenkenswert hielte. Beklommen hörte ich jener Stimme in mir zu, der es jedes Mal zuverlässig gelang, mir einen saftigen Stich in die Brust zu versetzen, wenn es um das Berufsthema ging: Du hast Wünsche, die kann niemand erfüllen.

Dennoch tat ich das, was ich immer tue, sobald es mir gelungen ist, eine konkrete Fragestellung zu formulieren: Ich schalte den Computer an und öffne meinen Browser. Dann überlege ich mir Suchbegriffe und lasse mich von meinen Ideen treiben. Es überraschte mich nicht weiter, dass Coaching immer noch ein weites Feld ist, die schwierige Aufgabe würde wieder einmal darin bestehen, jemanden zu finden, der eine andere, eine außergewöhnliche Meinung vertritt. Auf verschlungenen Wortkombinationswegen – ich habe keine Ahnung, wie ich dorthin gekommen bin – stieß ich irgendwann auf eine Methode, die tatsächlich all meinen Kriterien zu entsprechen schien: „DreamGuidance“, der Coach: Birgitt Morrien. Das hört sich zu gut an, da ist sicherlich ein Haken dabei.

 

Soll ich oder soll ich nicht?

Ich fühlte mich unsicher, auch ängstlich, ich störte mich an einem beißenden Kommentar im Netz, seine Formulierungen erinnerten mich an die Art, wie Gegner alternativer Heilmethoden diese verreißen und bei immer demselben Argument landen, mit dem sie letztlich nur etwas über sich selbst aussagen: Die Methode sei nicht wissenschaftlich genug. Und was nicht wissenschaftlich ist, kann nichts taugen. Mich interessierte hingegen vielmehr, ob Morrien in der Tat ganzheitlich arbeitete und vor allem, ob die Methode funktionierte, oder eigentlich nur eins: ob das Coaching bei ihr mich weiterbringen würde. Klar, im Coaching-Umfeld sind, wie überall, auch solche unterwegs, die die Hilflosigkeit der Ratsuchenden ausnutzen, und die anderen, die nicht gerade ihr optimales Betätigungsfeld gefunden haben. Und wer will denen schon in die Hände fallen.

Ich nahm mir das Versprechen ab, ganz genau auf mein Bauchgefühl zu horchen und mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Nach mehreren Anläufen schickte ich Tage später eine E-Mail ab, und Morrien und ich führten ein Telefonat, doch ich wollte diese Frau in Person sehen und erleben. Ein umfangreiches Coaching ohne „Probestunde“, nicht auszudenken. Mein Bauch entschied sich noch vor Ablauf dieser Stunde, doch auf dem Rückweg drängte mein Kopf mich ab, und ich landete im Gedankenmorast. Lohnt sich das denn wirklich, dein Geld dafür auszugeben? Du hast doch keine Garantie, dass das Coaching erfolgreich wird!

In der Nacht vor dem Gespräch und in der Nacht danach träumte ich. Die Träume berührten mich, sie schockierten mich sogar, und dennoch ängstigte ich mich noch nicht einmal im Traum selbst. Irgendetwas war in Bewegung gekommen, in Schwingung. Das kann gar kein richtiges Coaching sein, das ist ja lächerlich.

Mir fiel das Versprechen ein, das ich mir gegeben hatte. Ich sagte zu.

 

Das Coaching beginnt

„Mir ist das völlig egal, wie schnell oder langsam Sie schreiben.“

Birgitt Morrien lächelte mich freundlich an und vertiefte sich wieder in ihre Notizen. Ich stand am Flipchart und sollte zu Familie und Vorfahren Stichworte – Eckdaten und Beruf – sammeln. Ich schrieb in der letzten Zeit immer häufiger außerhalb meiner Trainingszeit mit links, vor allem umso viel lieber. Doch zu Hause hatte ich kein Flipchart, eigentlich musste ich den Unterarm auflegen, zudem hetzte mich die Angst, nicht schnell genug zu sein, während ich mit dem Rücken zu Morrien arbeitete.

Mir ist das völlig egal, wie schnell oder langsam Sie schreiben. Wenn ich entscheide, ich schreibe mit links, wer sollte mich heute davon abhalten können? Wer bestimmt, dass ich schnell schreiben muss und perfekt?

In dieser ersten Sitzung irritierte mich, dass Morrien mir eine „Hausaufgabe“ als Vorbereitung gegeben hatte, mit der ich mich ausführlich beschäftigt hatte, die wir nun aber gar nicht besprachen! Stattdessen brachte ich mehr Lücken als Eckdaten und Berufe meiner Tanten, Onkel und Großeltern zu Papier, auch wenn das bedeutete, weniger schreiben zu müssen.

In der zweiten Sitzung, der Tag zuvor der heißeste des Jahres und nach einer entsprechenden Nacht, sah ich mich nicht in der Lage, mich zu erinnern, was ich noch eine halbe Minute zuvor gedacht oder gesagt hatte. Insgeheim schrieb ich die Sitzung bereits ab, na ja, ich hatte ja noch genug Stunden vor mir.

„Das ist gut, sehr gut. Sie befinden sich in genau der richtigen Verfassung dafür. Ihr Zustand wird Ihnen helfen, Ihre Gedanken nicht zu kontrollieren oder zu bewerten.“

Unbehaglich wischte ich mir die Hände an den Oberschenkeln ab. Was nicht zu kontrollieren und zu bewerten? Was hat sie vor? Morrien erklärte mir gern ihren Vorschlag für diese Sitzung. Ich soll die Traumreise machen, heute? Jetzt?!? Nicht verstehen wollen, sondern mich vertrauensvoll führen lassen? Na hervorragend, mein „Zustand“ war wohl kaum angemessen für dieses „Kernstück“ des Coachings. Sehr gerne hätte ich die Sätze auf Band aufgenommen, die in meinem Innern herumtobten. Ich wünschte wirklich, das wäre möglich. Wenn du etwas falsch machst, weil du dich nicht konzentrieren kannst, ist das Ergebnis hinüber. Nicht gerade erfreut willigte ich ein.

 

Traumreise


Ich schaute mir zu, wie ich 5, 12, 18, 28, 35, 41 Jahre alt war und dann 48, 56, 63 und sogar 85 Jahre alt wurde. Die Zeitspanne zwischen 41 und 48 Jahren fiel leider exakt mit dem Moment zusammen, als ich wirklich gern die Traumreise abgebrochen hätte. Mir war heiß, ich hatte Durst, ich fühlte mich erschöpft. Dann kam bereits die nächste Zeitspanne. Und auch die beendete Morrien bereits wieder, um zur nächsten überzuleiten. Ich protestierte.

„Nicht schlimm. Sie müssen nicht zu jeder Etappe ein Bild haben.“

Ich hatte aber zu jeder ein Bild, immer mit Handlung, mir fiel es leicht, mich zurückzuversetzen und sogar mir zukünftige Szenen vorzustellen, bis ins Detail. „Bloß“ die nächsten 15 Jahre meines Lebens: das blanke Nichts! Als ich im Anschluss an die Traumreise meine Szenen aufmalen sollte, füllte ich die blinden Stellen auf dem Papier frustriert mit dem, was mir spontan in den Sinn kam: ein geschlossener Vorhang (hindurch linste das Buch über die Umschulungsfolgen) für die Jahre bis zum Alter von 48 und ein Blumenbouquet für die Etappe danach. „Irgendetwas mit Blumen“, sagte ich später etwas hilflos, als ich Morrien mein Bild erläuterte. Jetzt hast du alles kaputtgemacht. In meinem Innern feixte es selbstgefällig vor sich hin.

Morrien schickte mich erst einmal auf einen kleinen Marsch um die Häuser. Als ich zurückkehrte, bekam ich meinen Handlungsplan, das heißt, wir entwickelten ihn, nur ganz anders als erwartet.

Das Schöne an dieser Traumreise und an der „Methode“ von Morrien ist, dass es nichts „richtig“ zu machen gilt. Wie bei dem Test zur Händigkeit. Man kann das Ergebnis nicht beeinflussen, selbst wenn man es versucht, da man sowieso noch nicht einmal im Traum vorhersehen kann, was das Gegenüber mit einer Aufgabe oder Frage bezwecken will. Es kommt heraus, was da ist. Und es kamen eine Menge Dinge heraus, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie da waren. Doch nein, das stimmt nicht ganz. Viele Puzzleteile kannte ich schon, nur wäre ich nie auf die Idee gekommen, sie an die Stelle zu legen, die Morrien vorschlug.

 

Der Blick auf die Familienwerte

„Ich sage, was ich zu sagen habe. Ich schreibe es auf.“ Insgesamt umfasste die Lebensmaxime, die ich mit Morriens Hilfe für die kommenden Jahre erarbeitete, neben diesen beiden noch 8 weitere Punkte. Ich bekam den Auftrag, diese Sätze 3-mal am Tag je 3-mal am besten laut zu lesen und zu verinnerlichen. Am nächsten Tag fuhr ich in den Urlaub und entdeckte, dass das Wandern in den Bergen und das Memorieren der Maximen perfekt zueinander passten. Jedes Mal ging ich beschwingt und ruhig aus meiner Übung hervor, derart ruhig, dass ich sie sogar benutzte, wenn ich mal abends nicht direkt einschlafen konnte.

Die Maximen holen noch heute das Gefühl wieder hervor, das mich in den Coaching-Sitzungen begleitete, veranlassen mich, tief Luft zu schöpfen: Jede Facette von mir hat seinen Sinn und ist es wert, angeschaut zu werden, alles darf sein, „falsch“ gibt es nicht. Neu war der Blickwinkel auf mich, den Morrien wie selbstverständlich einnahm. Eine Perspektive, die es mir ermöglichte, wohlwollend und wertschätzend auf mich und mein Leben sowie, darin eingebettet, mein Berufsleben zu schauen. Ich trug alle Informationen zusammen, die ich hinsichtlich der Berufe meiner Sippe in Erfahrung bringen konnte. Viele dieser Informationen kannte ich bereits, jedoch bis dahin lediglich als Einzelaspekte ohne jeglichen Bezug zueinander, vor allem ohne Bezug zu mir.

Ich lernte zentrale Werte unserer Sippe zum Thema Beruf und Arbeit kennen. Einer heißt: Man muss die eigenen Träume zugunsten der Familie aufgeben. Die Familie steht an oberster Stelle, und wer seine Träume verwirklicht, will und wird keine Verantwortung in der Gemeinschaft übernehmen. Was übrigens genauso für die Männer wie für die Frauen gilt. Ein anderer Wert heißt: Wohlstand ist nur dann etwas wert, wenn er hart erarbeitet wurde. Ich konnte körperlich spüren, wie meine Ahnen, vor allem die Frauen, in einer langen Reihe hinter mir standen.

 

Ererbte Fähigkeiten


Und jetzt komme ich daher und will, dass Herzblut fließt beim Arbeiten und dass es mir Spaß macht. Ich verstoße mit meiner Sehnsucht gegen die Familientradition! Das erste Mal verstehe ich die moralische Last, die ich stets mit dem Thema verbunden habe.

Ich durfte dann noch etwas ganz anderes erkennen, nämlich dass dieselbe Familiengeschichte mich gleichzeitig mit Fähigkeiten ausgestattet hat, die es mir ermöglichen, mir meine Sehnsucht zu erfüllen, mit beruflichen Fähigkeiten, die mir zur Verfügung stehen und die mir meine Eltern mitgegeben haben. Meine Mutter die Sehnsucht, im Leben über den Tellerrand zu schauen und beruflich „mein Ding“ zu tun. Die Neugier, Neues auszuprobieren, die Welt über das Bauchgefühl zu erfassen und den Wunsch, mir mein eigenes Urteil zu bilden. Und die Fähigkeit, über eine Kleinigkeit glücklich zu sein. Mein Vater den Idealismus, die leuchtenden Augen der Begeisterung und die Bereitschaft, viel zu leisten und Opfer zu bringen, um ein Ziel zu erreichen. Und die Beharrlichkeit, es, einmal erfasst, niemals aus den Augen zu lassen.

Welch ein Schatz! Das Pferd in mir riss sich los und galoppierte in den nächsten Wochen davon. Mein Tagebuch offenbart unendliche Weiten an Ideen, wie ich das Thema Händigkeit bearbeiten kann.

 

Ein unliebsames Thema taucht wieder auf oder: Wann ist der „richtige“ Zeitpunkt?


Viele Einsichten weiter und als kaum noch ein Coaching-Termin übrig ist, meint Morrien, ob nicht die Melanom-Diagnose das sei, was aufzuschreiben anstehe. Ein Schock. Ich ärgere mich, dass ich die Hausaufgabe brav gemacht und auch diese „Geschichte“ von damals erwähnt habe (der Vollständigkeit halber). Damals vor nunmehr 5 Jahren, als man bei mir Melanome (Plural, nämlich 4) und Metastasen in den Wächterlymphknoten diagnostizierte. Damals, als man mir riet, mir sämtliche Lymphknoten in der linken Leiste entfernen zu lassen und ein Jahr Hochdosis-Interferon zu nehmen. Damals, als ich herausfand, warum mir das alles nicht helfen würde, ebenso wie ich allerhand anderes zum Thema Krebs entdeckte. Damals, als ich erkannte, was mir wichtig ist in meinem Leben, um, nicht lange danach, weiter zu rasen, als würde ich nicht zurückschauen. Immer läuft es darauf hinaus: Krebs, Krebs, Krebs! Ein einschneidendes Thema, aber doch nicht das einzige! Natürlich hatte ich vor, das alles aufzuschreiben, eben damals. Natürlich wollte ich es noch immer aufschreiben, irgendwann. Aber jetzt? Meine Auseinandersetzung mit den Umständen der Umschulung auf die rechte Hand als Kind und meine Rückschulung auf meine linke Hand, das Thema Händigkeit, da fließt doch mein Herzblut, und zwar gewaltig!

„Ich glaube, dass Sie vielen Menschen Mut machen werden, wenn Sie Ihre Geschichte aufschreiben.“

Ich habe damals nichts getan, was nicht jeder tun könnte, finde ich. Birgitt Morrien sieht das anders.

Während ich säuerlich versucht bin zu erwägen, ob ich mir die restlichen Coaching-Stunden nicht sparen soll, erfahre ich, dass eine ehemalige Kollegin mit Mitte 30 an Brustkrebs erkrankt ist und in einigen Tagen ihre Chemotherapie beginnen wird. Eine Chemotherapie umfasst 8 Zyklen. Ich weine bitterlich, bewegungsunfähig eingezwängt zwischen dem, was ich damals über Krebs herausgefunden habe und von dem ich mir wünsche, dass jeder Krebskranke diese Informationen erhält, bevor er sich zu einer Behandlung entscheidet, und meinen bedrückenden Erfahrungen, wie Menschen auf diese Informationen reagieren. Niemand möchte wissen, was du herausgefunden hast.

Meine Versuche, die Informationen weiterzugeben, waren ohne Ausnahme gescheitert. Einem Kollegen, in dessen Familie jemand an Krebs erkrankt war, lieh ich mal ein Buch, das mir in der schweren Zeit sehr geholfen hatte, doch er brachte es wieder mit, es sei nicht auf Interesse gestoßen. Einem anderen Kollegen hatte man nach Melanom die Lymphknoten in einer Achsel entfernt, die Hochdosis-Interferon-Therapie lief, als ich von seiner Erkrankung erfuhr. Ich gab ihm eine Kopie eines bestimmten ärztlichen Artikels zum Thema Melanom und empfahl ihm ebenfalls besagtes Buch. Er kommentierte den Artikel in nur einem Satz: „So etwas sagt einem ja keiner.“ Er verstarb wenige Monate danach, nachdem zuvor ein neues, in Deutschland noch nicht zugelassenes Medikament seinen letzten Funken Hoffnung ein letztes Mal angefacht hatte.

 

Was meine Augen zum Leuchten bringt


Ich freute mich nicht, dass Birgitt Morrien gerade dieses unselige Thema für verfolgenswert hielt, ich nahm es ihr sogar übel. Die Erkenntnisse, die mir geholfen haben, sollen anderen Mut machen – wie denn?! Ich zeige ihr einen Erfahrungsbericht, den ich in einem anderen Zusammenhang erstellt habe. Als hätte ich mich entschlossen, trotz meiner Angst in den dunklen Bergsee zu springen, nur kurz. Ich lese den Bericht nicht mehr durch, ich will damit nichts zu tun haben – Klick auf Senden – in 2 Minuten liege ich bereits wieder auf dem warmen Holz des Steges. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Morrien ein Wettschwimmen vorschlagen würde. Sie findet einen „unglaublich aussagekräftigen“ Satz und ich beschließe, mich noch einmal mit dem Text zu beschäftigen, gutmütig und in Anbetracht der Tatsache, dass das Coaching mich ansonsten ja sehr weitergebracht hat. Nach dem Frühstück, 2 Stunden, danach werde ich spazieren gehen.

Tja. Ich habe noch mit etwas anderem nicht gerechnet. Ich lese einen Text, der mir so vorkommt, als habe jemand versucht, einen Erfahrungsbericht zu verfassen, ohne sich wirklich zu erinnern. Die Fakten zu nennen, ohne zu fühlen. Wie sehr dir damals doch der Überblick gefehlt hat, da fiele dir aber jetzt mehr dazu ein.

Ich zwinge mich, nach den „vereinbarten“ 2 Stunden spazieren zu gehen. Während dieses Spaziergangs fallen mir so viele Dinge ein, die ich unbedingt ändern und ergänzen muss, dass ich mich nahezu ärgere, nichts zu schreiben mitgenommen zu haben. Ein paar Stunden später sitze ich wieder an dem Text. Und am nächsten Morgen. Und am Morgen darauf.

Wenige Tage danach stürzt eine Freundin schwer mit dem Rad. Regen und Straßenbahnschienen, diese Variante, und niemand ist schuld, außer der dunkle November. 4 gebrochene Rippen und eine lädierte Nase bringen sie ins Krankenhaus – glücklicherweise, auch wenn es gefühllos klingt, denn ihr Unfall zwang mich, ein Krankenhaus zu betreten, und ich stellte fest, dass es mich nicht mehr belastete, dort zu sein.

Die Nächte verbringe ich bereits mit aufwühlenden Träumen. Die Stimme, die zu mir sagt: Versuche es, beschreibe!; ich höre sie noch, wenn ich längst aufgewacht bin. Mehrmals träume ich, ich sei schwanger. Einmal muss ich still sitzen und horchen: meine einzige Chance, um den Ausweg aus dem sinkenden Schiff zu finden.

Wie um ganz sicherzugehen, lande ich dann noch in einem isländischen Film: „Grandma Lo-Fi“. Er porträtiert eine Dame, die mit 70 Jahren beginnt, experimentelle Musik zu machen, ihre Collagen aus Zeitungsausschnitten nehmen bereits an sehr erfolgreichen Ausstellungen teil. Die Musik veröffentlicht man erst nach ihrem Tod und ebenfalls erfolgreich, jedoch nur deshalb nicht früher, weil die Dame nicht damit auftreten wollte.

Die Isländer scheinen etwas zu können, was uns Deutschen sehr schwerfällt, wie ich finde. Es bringt ihre Augen zum Leuchten und ihre Seelen zum Schwärmen: Du hast eine Idee? Dann mach. Mach einfach.

Ist es nicht so, willst du als Erwachsener in Deutschland ein Instrument lernen, sagt dann nicht irgendjemand: Und, was willst du damit jetzt noch machen, ist das nicht etwas spät, um Musiker zu werden? Möchtest du dich auf deine linke Hand rückschulen: Was soll das jetzt noch bringen? Fängst du an zu joggen: Und, wirst du Marathon laufen? Erwachsene fragen so etwas. Als könnten sie es nicht aushalten, etwas nur deswegen zu tun, weil man es tun will. Immer muss etwas dabei herauskommen, und was, das hat vor Beginn ganz konkret festzustehen. Übung macht den Meister, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – und etwas anderes als Meister zu werden, kann ja niemand wollen. Wenn du also schreibst, ohne damit berühmt zu werden, na, ob das nicht vergeudete Zeit ist, fang besser erst gar nicht an.

Um meine Augen zum Leuchten und meine Seele zum Schwärmen zu bringen, gab es also nur eine einzige Möglichkeit: Ich erteilte mir selbst die Erlaubnis, das, was ich bereits begonnen hatte, zu meinem Projekt zu erklären.

 

Wachsen und reifen

Ja, so war das. Hätte ich meinen Job nicht verloren, hätte ich das Coaching nicht gemacht. Ohne Coaching kein Buchprojekt. Es fließt mein Herzblut hinein, seit Monaten, als hätte jemand ein Schleusentor geöffnet. Ich werde mein Projekt einfach nicht leid. Es ist gewachsen und hat sich verändert, es reift heran, ich reife heran. Ich schreibe nicht lediglich auf, was damals passierte, als ich meine Diagnose bekam. Ich habe noch viel mehr entdeckt, ich habe noch viel mehr dazu zu sagen. Nebenbei sammle ich Material für 2 andere Projektideen, eine ist natürlich die Sache mit meiner linken Hand.

Ab und zu kommen die Zweifel vorbei, um sich zu vergewissern, ob es mir nicht zu gut geht. Ich höre sie vor dem Vorhang mit den Füßen scharren, doch sie bleiben nie lang. Ich glaube, sie finden es zu unheimlich, dass ich unbeirrt weiterarbeite. Mittlerweile lebe ich von meinen Reserven, was mich früher in Panik versetzt hätte. Für diese innere Ruhe gibt es nur einen einzigen Grund: Ich weiß, dass ich das Richtige tue.

 

Die Autorin

Ulrike Backs, Jahrgang 1969

Kontakt: ulrike.backs@gmx.de

 

Literatur zum Thema:
Bücher zum Coaching mit DreamGuidance
von Birgitt Morrien

Sinnstiftende Karrieren

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