First Selection und die nackte Angst, ein Perspektiven-Wechsel

Auf der anderen Seite der Normalität“, einer Kölner Ausstellung, entdeckte Birgitt Morrien jüngst Fotografien und Texte, die eine besondere Art der Wahrnehmungsschärfe für Tabu-Realitäten vermitteln.  Drei  von ihr  ausgewählte Texte bilden eine Einheit:  „Im Regen“ vermittelt „Die Sicht der Sicheren“, die in der Ausstellung fehlte.  Gefolgt von den Ausstellungstexten „Selektion“  und „Angst und Schweigen in Kalk“, die den Schrecken individuell erlebter Verunsicherung angesichts eines allgegenwärtigen Wettbewerbes auf eindrückliche Weise thematisieren.



I. Die Sicht der Sicheren


Im Regen

vor dem Cafe
sitzt eine junge Frau
zusammengekauert / ich
sitze im Trockenen.  Auf meinem neuen Tablet
texte ich Zeitkritisches und trinke dazu
meine Apfelsaftschorle
0,2

(Thora Watts)

 

II. Die Sicht der Bangenden

Selektion


Ich sondere aus.
Ich sondere aus, was mir nicht gefällt.
Ich sondere aus, was für mich minderwertig ist.
Ich sondere aus, was die Menschen minderwertig finden.
Ich sondere aus, was sich nicht vermarkten läßt.
Ich sondere aus, womit sich kein Staat machen läßt.

Ich habe Angst, selbst zu den Minderwertigen zu gehören.
Ich habe Angst, dass ich mich selbst nicht vermarkten kann.
Ich habe Angst, dass mit mir kein Staat zu machen ist.
Ich habe Angst, dass ich selbst ausgesondert werde.

Ich bin nicht so, wie diese Minderwertigen,
Ich bin nicht so, wie diese, die sich nicht vermarkten lassen,
Ich bin nicht so, wie diese, mit denen kein Staat zu machen ist.

(Konrad F.)

 

III. Die Sicht der stummen Schreie

Angst und Schweigen in Kalk

Menschen gehen durch die Straßen.
Ducken sich, wenn es in der Stille knistert.
Fliehen vor grossen Schatten,
die lautlos um die Ecken schleichen.
Entdecken in sich, was sie nicht begreifen:
Das Niedergestreckte. Niemals Sichere.
Stehen hinter Fenstern. Starrren hinter Gardinen
nach draußen ins Dunkle.
Um nun ja nicht den Mann mit der Maske
vorbeischleichen zu sehen, oder doch?
Wer seinen Mund nicht schließt,
öffnet ihn zum Schrei,
oder flüstert an tausend Orten,
ohne jemals die eigene Angst
fassen zu können.

(Rosemarie M.)

 

Hinweis: Die Fotografien der Ausstellung stammten von dem Kölner Fotografen Kurt Oxenius.
Ankauf von Fotos ist möglich. Kontakt zum Künstler über info@klaus-kammerichs.de

 

Literaturtipps

Bücher:
Reddemann, Luise: Überlebenskunst. Stuttgart: Klett-Cotta 2007
Baumann, Zygmunt: Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit. Hamburg: Hamburger Edition 2008
Ackermann, Lea: In Freiheit leben, das war lange nur ein Traum. München: Kösel 2010
Sölle, Dorothee: Du stilles Geschrei. Freiburg: Kreuz Verlag 2007 
Sölle, Dorothee: Mystik & Widerstand. München: Piper Verlag 1999
Morrien, Birgitt: Coaching mit DreamGuidance. Wie berufliche Visionen Wirklichkeit werden. München: Kösel 2012

Artikel:
Unterm Strich zähl ich.
Die Angst, etwas zu verpassen, wenn man nicht online ist
.

 

Sinnstiftende Karrieren

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