Reden wir von Afrika

Der Afrika-Diskurs ist auf literarischer wie kultureller Ebene ein sehr reger, wie eine jüngst erschienene Aufsatzsammlung zum Thema belegt. Afrikanische und deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler widmen sich darin dem Afrika-Bild in Literatur, Kunst und populären Medien. So analysiert die Literaturwissenschaftlerin Rita Morrien, Mitherausgeberin des Bandes, den Afrika-Diskurs im deutschen Spielfilm von der Weimarer Republik bis heute und kommt dabei zu denkwürdigen Ergebnissen.

In einem von Diversität, Multikulturalismus und Heterogenität geprägten Gelände postkolonialer Wissenschaften ist ein von Michael Hofmann und Rita Morrien herausgegebener Band „Deutsch-afrikanische Diskurse in Geschichte und Gegenwart“ eine der interessantesten kultursoziologischen Neuerscheinungen (Amsterdam/New York: Rodopi, 2012, 63 Euro). Die Aufsatzsammlung entwirft aus literaturwissenschaftlich-germanistischer, politischer, popkultureller und medienkritischer Perspektive ein umfassendes Bild des deutschen Afrika-Diskurses wie auch (allerdings in geringerem Umfang) des afrikanischen Deutschlandbildes.

Vor allem Rita Morrien zeichnet in ihrem Aufsatz „Afrika mon amour? – Der Afrika-Diskurs im populären deutschen Spielfilm“ ein Bild ungebrochener Denk- und Empfindungsgewohnheiten. Sie spricht von „Fortschreibung kolonialer Phantasien und weißer Selbstermächtigungsstrategien“. Eng an das ideologiekritische Inventar von Siegfried Kracauer und Adorno/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ angelehnt, wird in prägnanten Formeln das koloniale, speziell deutsche Afrika-Bild herausgearbeitet und das vertraute Instrumentarium des kolonial-affirmativen Films der Weimarer Republik, der Nazi- und der Adenauerzeit in seiner Kontinuität bis heute aufgezeigt.

„Afrika“ ist in der Mehrzahl der von Morrien analysierten (überwiegenden Fernseh-)Filme ein exotischer Ort, ein symbolischer Raum, in dem (meist) die Heldin zu sich selbst findet, eine Kulisse für Träume und verborgene (häufig sexuelle) Wünsche, deren Weg aber immer zurück in die weiße Kultur führt. Die weiße Frau erfährt sich in ihrem Identifikations-Erfahrungsprozess sowohl den schwarzen Geschlechtsgenossinnen als auch (wegen unüberbrückbarer kultureller Differenzen) dem schwarzen Mann (trotz vorübergehender Partnerschaft wie in „Die weiße Massai“) überlegen. Geläutert und mit sich selbst identisch kehrt sie zurück in die deutsche Vorurteilswelt. Morrien gibt sehr eindrücklich ein Beispiel eines fruchtbaren postkolonialen Körper-Diskurses einer bis zur Banalität vereinfachten Herz-Schmerz-Filmdramaturgie.

Bezeichnend für die analysierten Filme ist die Konzentration auf eine kleine Personenkonstellation, die in vulgärer Schuss-Gegenschuss-Technik aufgenommen ist. Die ästhetische Relevanz dieser Verfahren ist die Banalität der erzählten Geschichten. Ein Kinobild, ein Raumbild von Afrika entsteht nie – im Gegensatz zu amerikanischen Klassikern wie „Hatari“ (Howard Hawks, 1962) oder Sidney Pollacks „Out of Africa“ (1985). Nicht nur die ideologische Komponente des deutschen Afrika-Filmes ist von verdecktem Rassismus geprägt; auch die filmisch-ästhetische mit ihren stereotypen Posen, Bildformen und Formulierungen ist Ausdruck einer erschreckenden Kontinuität der Untugenden deutscher Bewusstseins- und Vorstellungswelt des in den Bereich des Mythos gewendeten fremden „Afrika“.

Bernd Heinen
Bibliothekar und Cineast

 

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