Schreiben mit Schere im Kopf

Wie eine deutsche Journalistin im Ausland das Fürchten lernte: Sylvia Greßler hatte nicht nur in der „Deutschen Allgemeinen“, der Zeitung der Russlanddeutschen Zentralasiens und Sibiriens, Artikel veröffentlicht, sondern parallel dazu auch in Deutschland, unter anderem in einer wissenschaftlichen Publikationsreihe des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien. Nicht ohne Folgen…


Zwei Jahre Kasachstan – denkwürdige Kontakte und Freundschaften

Im Laufe der beiden Jahre, die ich in Alma-Ata lebte und arbeitete, hatte ich viele Menschen kennengelernt und war auch mit etlichen gut befreundet. Das Leben ohne diese Kontakte und die daraus resultierende Hilfe wäre für mich unmöglich gewesen. Denn in dieser Zeit herrschte das große allgemeine sowjetische Defizit: Die Geschäfte waren leer, Wohnraum war knapp bzw. ohne staatliche Zuteilung nicht zu bekommen, an den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen wartender Autos, Kranke erhielten nicht die dringend benötigte Medizin. Als Journalistin – noch dazu aus dem Ausland – hätte ich ohne gute Kontakte meine Arbeit nicht tun können.

Trotz dieser heftigen Mängel im sowjetisch-kasachischen Alltag hatte ich mich zumeist wohl und in meinem Alma-Ataer Freundeskreis geborgen gefühlt – bis mir dann ein Ereignis in den letzten Monaten meines Aufenthaltes schlagartig klarmachte, warum so vieles in meinem Leben dort wunderbar funktionierte und mir böse Erlebnisse erspart geblieben waren.

Publikation mit Folgen

Ich hatte nicht nur in der „Deutschen Allgemeinen“, der Zeitung der Russlanddeutschen Zentralasiens und Sibiriens, Artikel veröffentlicht, sondern parallel dazu auch in Deutschland, unter anderem in einer wissenschaftlichen Publikationsreihe des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien. Während meines letzten Heimaturlaubs hatte ich dort einen Erfahrungsbericht eingereicht und freute mich, dass dieser diskussionslos und unverändert gedruckt werden sollte. Bis ich den Rückflug aus dem Urlaub nach Alma-Ata antrat, hatte ich nur den Korrekturabzug zu sehen bekommen, nicht aber die fertig gedruckte Publikation.

Wochen später saß ich abends allein in meiner Wohnung, als es plötzlich an der Wohnungstür klingelte. Ein wenig furchtsam ging ich zur Tür und lugte durch den Türspion in das Dunkel des Treppenhauses. Sofort erkannte ich Bulat, einen netten kasachischen Bekannten, der im Ministerium arbeitete, mich schon des Öfteren zu sich und seiner Frau eingeladen hatte und mich immer „kleine Schwester“ nannte. Bulat war mit seinen gut 1,90 Metern für einen Kasachen ein sehr ungewöhnlich großer Mann. Freudig entriegelte ich die Tür, um ihn hereinzubitten, er aber öffnete seine Aktentasche und hielt mir ein gelbes Heft mit der Aufschrift „Kasachstans schwieriger Weg in die Unabhängigkeit. Ein Erfahrungsbericht“ entgegen. Meine Publikation! Dann hörte ich seine Stimme in einem mir völlig fremden, bedrohlichen Ton sagen: „Na, na, liebe Sylvia, solltest du noch einmal so etwas über Kasachstan irgendwo auf der Welt veröffentlichen, wirst du keinen Fuß mehr auf kasachischen Boden setzen – denke ab heute immer daran. Wir passen auf!“ Damit drehte er sich um und verschwand. Ich stand wie angewurzelt im Türrahmen, kalte Angst erfasste mich. Der KGB.

Unter Beobachtung

Mit diesem Tag fühlte ich mich einsam, schwach und absolut schutzlos in diesem Steppenland, 5.000 Kilometer von der Heimat entfernt. Ich habe keine Zeile mehr schreiben können, ohne an Bulats Warnung denken zu müssen. Plötzlich hatte ich beim Verfassen meiner Artikel eine Schere im Kopf.

In den letzten Tagen vor meiner endgültigen Heimreise habe ich meine Freunde genauer unter die Lupe genommen, nachgefragt und geforscht – und leider musste ich erfahren, dass ein guter Teil von ihnen für diese bestfunktionierende Organisation der Sowjetunion arbeitete. Auch welcher nette Redaktionskollege laufend Berichte über mich für das Komitee für staatliche Sicherheit abfasste, erfuhr ich in diesem Zusammenhang. Die Leute, die ich fragte, erzählten oft sehr freimütig über diese Tätigkeit ihrer Freunde, Kollegen und Nachbarn. Nach ihrer eigenen Gesinnung erkundigte ich mich natürlich nicht.

Aufgrund dieser Erfahrung verließ ich Kasachstan nach zwei Jahren – was die Menschen, meine Kontakte und Freundschaften betraf – sehr verunsichert und auch enttäuscht.

 

Karriere durch gefördertes Coaching

Share

Ein Kommentar

Kommentar Schreiben