Abenteuer Gründung: Birgitt Morrien coacht Start-ups seit 15 Jahren. Ein Interview

„Ich bewundere den Mut aller Gründerinnen und Gründer“, bekennt Senior Coach Morrien im Interview mit dem Magazin Kommunikation & Seminar. „Und ich liebe es, diese wachen Menschen darin zu unterstützen, ihre Chancen noch besser zu erkennen und beherzt zu nutzen, um sich auf Dauer erfolgreich am Markt zu positionieren.“

Im Gespräch mit Chefredakteurin Regine Rachow ist Morrien den Gründen für den Erfolg von Start-ups auf der Spur. Mit ihrer ganzheitlichen Beratung zielt die Autorin mehrerer Coaching-Bücher auf das „markante Profil, das hilft, dem Drama der Beliebigkeit zu entkommen, indem wir es wagen, den Unterschied zu machen.“

Coaching-Blogger veröffentlicht das Interview in Originallänge. Rachows Beitrag erscheint Ende April 2012 in Kommunikation & Seminar unter dem Arbeitstitel "Existenzgründung, Coaching, Beratung ..."
 


Welche Erfahrung haben Sie mit Existenzgründern?

Im Bereich Existenzgründung begleite ich seit 15 Jahren insbesondere sogenannte Kreative. Dazu zähle ich Kommunikations- und Medienschaffende wie etwa Journalist(inn)en, Fotograf(inn)en, Videodesigner(innen), Moderator(inn)en, Autor(inn)en, Werbetexter(innen) oder auch Producer(innen), Webdesigner(innen), Drehbuchautor(inn)en und Verleger(innen). Weiterhin zählen selbstredend klassische Künstler(innen) zu den Kreativen, und immer mal wieder fragen mich auch Kolleg(inn)en oder Gründer(innen) anderer Bereiche an, die sich von der Originalität meines ganzheitlichen Ansatzes angesprochen fühlen.

Ich bewundere den Mut aller Gründerinnen und Gründer, die aufbrechen, sich auf oft abenteuerlichen Wegen ihre Existenz aufzubauen. Das Wesen des Abenteuers ist es ja, sich den Möglichkeiten des Unwägbaren anzuvertrauen. Hier wird auf sehr existenzielle Art das Vertrauen in das Leben geschult. Eine großartige geistige Übung, die mir in der Arbeit mit jeder Gründerin und jedem Gründer neu allen Respekt abverlangt.

Es macht mir viel Freude, mit diesen wachen Menschen zu arbeiten, die alle Sinne darauf ausgerichtet haben, im unendlichen Strom der Möglichkeiten das für sie passende Konzept zu erkennen, es beherzt als Chance zu ergreifen, um daraus Schritt für Schritt ihre neue Realität zu schaffen.

Welche Hürden sind aus Ihrer Sicht für Existenzgründungen im Coaching- und Beratungsbereich zu nehmen?

Was maßgeblich über den Erfolg einer Gründung entscheidet, auch der im Coaching- und Beratungsbereich, ist das markante Profil, das sich der Beliebigkeit entzieht. Ich spreche vom „Drama der Beliebigkeit“, da der Mangel an Unterscheidbarkeit zur Selbstversenkung am Markt führen kann.

Auf die Dauer hat nach meiner Einschätzung als Start-up insbesondere im Bereich der Beratung nur gute Chancen, wer ein klares Profil zeigt. Um das jedoch zeigen zu können, bedarf es zunächst eines umfassenden Selbst-Bewusstseins im wortwörtlichen Sinne: An erster Stelle steht das „Erkenne dich selbst“, um zu wissen, wer ich bin jenseits verinnerlichter Fremderwartungen.

Insofern beginnt das Coaching bei mir in der Regel mit der POSITIONSANALYSE. Hier werden Ressourcen reflektiert, Lebens- und Leistungsmotive aufgedeckt: Wer bin ich / wirklich?! Was kann ich und was zu tun spornt mich in meiner Leidenschaft an?! Mit welcher Aufgabe kann ich mir vorstellen, mehr als eine Affäre einzugehen, also zumindest für die Dauer einiger Jahre mich mit ihr professionell zu verbinden?

Wenn ein Start-up sich selbst in diesem umfassenden Sinne erkannt hat, dann wird im zweiten Schritt auch die VISIONSFINDUNG erfolgreich sein. Bewährt hat sich an dieser Stelle im Coaching mit meiner Methode DreamGuidance die P/Review-Technik. In einer Art gelenktem Tagtraum führe ich die Coachees in ein spätes Lebensjahr: In der Identifikation mit dem alten Menschen gelingt es den Traumreisenden leicht, einzelne und besonders kostbare Momente zu erinnern.
Von diesen Erinnerungen ausgehend werden im weiteren Verlauf der Beratung berufliche Ziele abgeleitet. Magische Ziele, wenn Sie so wollen, für uns in höchstem Maße anziehend, weil erfüllend. Und es braucht diese besondere Qualität in der Zielsetzung, eine, die im Äußeren anstrebt, wonach wir im Inneren zutiefst begehren. Denn nur diese starke Anziehungskraft setzt in uns jene Kräfte frei, die wir brauchen, um auch über Phasen anspruchsvoller Prüfungen hinweg auf Kurs zu bleiben.

Erst wenn die Frage der Zielsetzung in der für ein erfolgreiches Vorhaben notwendigen Weise geklärt ist, folgt im dritten Schritt die STRATEGISCHE ENTWICKLUNG. Hier ist allerlei klassisches Beratungshandwerk nützlich einerseits, andererseits ist auch hier geistige Wendigkeit gefragt. Denn zu einem stimmigen Profil bzw. Portfolio, das dem bereits entwickelten Ziel entspricht, gehört ein ebenso stimmiges Marketingkonzept.
Allerdings, das richtige Marketing gibt es nicht. Es gibt nur ein Marketing, das zum/zur jeweiligen Coachee passt. Das heißt, ich verzichte in meiner Rolle als Kommunikationsberaterin bewusst darauf, Standards aus Marketing / PR / Kommunikation zu vermitteln. Abgesehen davon, dass mich das auf die Dauer langweilen würde, bringt es auch wenig.

Viel spannender und ungleich wirkungsvoller ist es, mit den Coachees herauszufiltern, wie jemand im Laufe des bisherigen Lebens Erfolge generiert hat, sei es im Privaten, im Schulischen, in Ausbildung, Studium oder Beruf. Diese Überschau der Erfolgsprinzipien, wie ich sie nenne, offenbart immer gewisse Muster, die uns offenbaren, wie wir „ticken“, wie wir mit bestimmten Situationen und Ereignissen erfolgreich umgehen.

Wenn wir wissen, was uns bisher intuitiv erfolgreich weitergebracht hat, wird diese Erkenntnis nun im Coaching als Grundlage dafür genutzt, um wirksame Strategien des Selbst-Marketings für die Zukunft zu bestimmen. Diese Strategien werden konsequent an das charakterliche und fachliche Profil der Coachees und deren Angebot angepasst.
Wo Coachee A etwa eher die gezielte Kaltakquise bevorzugt, ist diese Coachee B schlicht ein Gräuel. B fühlt sich mit der sehr viel vermittelteren Form der Kommunikation via Social Communitys deutlich wohler. Und Coachee C mag es klassisch und entscheidet sich für die traditionelle Anzeige in einem Printmagazin mit favorisierter Zielgruppe. Vielfach entscheiden sich Coachees bedarfsorientiert auch für einen integrierten Kommunikationsmix, der verschiedene Optionen berücksichtigt.

Wie kann eine Umsetzung im Gründungsalltag gut gelingen? // Was ist für eine gelungene Umsetzung im Gründungsalltag notwendig?

Um sich mit dem eigenen Angebot künftig bewusst erfolgreich vermitteln zu können, erleben manche Coachees in der Beratung zunächst eine notwendige und konstruktive Ent-Täuschung. Dies gilt für die „Vagabundierenden im Business“, die einfach ihren Impulsen nachgehen, sich hierhin und dahin bewegen und dabei ihre Kontakte „machen“– immer schon so gemacht haben. Und doch fällt es ihnen in der Regel schwer, sich zu trauen, dies in Zukunft für sich selbst als probate Marketingstrategie zu akzeptieren.
Auf die Wirksamkeit dieser intuitiven Marketingstrategie zu vertrauen, erweist sich an der Stelle eher als eine Art geistiger Übung. Selbst wenn die Erarbeitung der Erfolgsprinzipien zuvor bereits gezeigt hat, dass die Betroffenen ihre Netzwerke spielerisch generieren, ist es für sie dennoch kaum zu glauben, dass es so einfach ist. Und so wird das Coaching an dieser Stelle nicht selten aus guten Gründen zur Glaubenshilfe. Den Coachees selbst jedoch bleibt die Aufgabe der Glaubensübung*, die, wenn sie gelingt, erlaubt, auch Rückschläge als notwendige Prüfung auf dem Weg anzunehmen.

Diese Glaubensübung ist die wohl wichtigste aller Aufsteigerübungen: Daran zu glauben, dass stimmt, was die Vision bereits als vorweggenommene Wirklichkeit offenbart hat, zählt zur Grundausrüstung. Diese muss gut gepflegt werden, täglich überprüft und ggf. in Teilen erneuert, denn ohne sie ist alles nichts, wenn es darum geht, in der TRANSFER-Phase den Traum tatsächlich wahrzumachen.

Um geplante Vorhaben in dieser Phase erfolgreich umsetzen zu können, ist es wichtig, immer Möglichkeiten der Unterstützung mitzudenken. Dafür verabrede ich mit den Coachees, sich einen von mir so genannten Private Coach zu engagieren, kostenlos, denn es soll für diesen Schritt keine finanzielle Hürde geben.
Der Private Coach löst mich am Ende der Beratung ab und sorgt dafür, dass die im Coaching geschmiedeten Pläne nicht in der Beliebigkeit des Alltags versinken. Mit dem Private Coach gibt es immer jemanden, der interessiert ist an der weiteren Entwicklung des/der Coachee. Der Private Coach informiert sich im regelmäßigen Jour fixe darüber, ob geplante Aktivitäten eingehalten, neue Kontakte geknüpft und verabredete Pausen eingehalten wurden.

Der perfekte Private Coach verfügt über rechte Herzensgüte und einen gesunden Menschenverstand und ihm ist bedingungslos am weiteren Wohlergehen des/der Coachee gelegen. Der Private Coach steht dem/der Coachee unterstützend zur Seite. Dabei ist es wichtig, dass an dieser Stelle Lebenspartner(innen) und Familienmitglieder von dieser Rolle ausgespart bleiben, da sie vielfach ohnehin schon stark gefordert sind.

Der Private Coach ist jemand, mit dem nicht nur die Krise gemeistert, sondern durchaus auch etwa ein unverhofft eintretender Erfolg gefeiert werden kann. Denn derart intensive Klärungsprozesse katalysieren oft unverhoffte Ereignisse. Der Private Coach ist also jemand, mit sich selbst im Reinen, der uns nicht neidet, wenn wir die aufreibende Krise des Wandels (endlich) hinter uns lassen, froh, es (wieder einmal) geschafft zu haben.

Wie gut können Selbstständige vom Coaching leben?

(Eingeschlossen die „philosophische“ Frage, ob man vom Coaching überhaupt leben können sollte – oder ob es im Sinne der Unabhängigkeit für Existenzgründer ratsam sei, Coaching immer nur als eine Säule im Geschäftsmodell anzustreben.)

Für mich persönlich war es richtig, meine Beratungspraxis sehr langsam aufzubauen bzw. umzubauen. Weg von der PR-Beratung im Schwerpunkt hin zum Karriere-Coaching auf der Grundlage meiner eigenen ganzheitlichen DreamGuidance-Methode. Mit diesem Konzept habe ich mittlerweile meinen Platz am Markt gefunden, unterstützt sicherlich durch meine Bücher, meinen Blog (Coaching-Blogger), Twitter-Aktivitäten und Medienauftritte.

Im Rahmen des Unternehmenscoachings hat meine Rolle der Kommunikationswissenschaftlerin mit Marketingexpertise ihren wichtigen Platz behalten. Jedoch ist es heute ein integriertes Konzept, dem ich folge, das den Menschen radikal in den Mittelpunkt stellt und ihm alles Marketing nachordnet.

Wirtschaftlich gesprochen hat sich dieser Mix aus Personal Coaching und ganzheitlich ausgerichtetem Unternehmenscoaching auf jeden Fall bewährt. Im Unterschied zu den mitunter zeitlich begrenzteren Prozessen des Personal Coaching kontrahiere ich im Unternehmenscoaching standardmäßig ganze Beratertage. Zwar ist dieses Vorgehen auch im (Top-)Management-Coaching mit Unternehmen üblich, mit meinen Privatkunden werden jedoch auf Wunsch auch Einzelstunden abgerechnet, was mehr Administration bedeutet und damit zu mehr Personalkosten in der Praxis führt.

Gesprochen für den Angebotsmix verfahren Kolleginnen und Kollegen, die ich beraten habe, inzwischen ähnlich: Ein Kollege mit explizit betriebswirtschaftlichem Hintergrund mischt in seinem Portfolio diese Expertise mit Angeboten im Bereich des Persönlichkeitscoaching. Eine andere Kollegin nutzt ihren Hintergrund als Sinologin für eine Honorardozentur an einer Privatuniversität und verbindet diese Tätigkeit mit einem speziellen Beratungsangebot zur interkulturellen Kommunikation für den ostasiatischen Raum. Beide sind mit dieser Art integriertem Angebotskonzept sehr zufrieden.

Ganz grundsätzlich verhält es sich so, dass Coaches sicherlich gut beraten sind, wenn sie über ein zweites Standbein verfügen, der Abwechslung und der Sicherheit halber.

 


*Mehr zum Thema Glaube: „Die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit“ von August Flammer
(Leider vergriffen und nur noch in Antiquariaten bzw. über Bibliotheken erhältlich)

Ergänzender Hinweis:

Mehr Informationen zum Coaching von Existenzgründer(inne)n auf der Grundlage von Morriens DreamGuidance-Methode finden sich im Coaching-Blogger. Dort sind 37 Erfahrungsberichte ehemaliger Coachees veröffentlicht, die ausführlich über ihr Coaching bei der Kölner Management-Autorin berichten. Darunter zahlreiche Existenzgründer(innen).
In ihrem neuen Buch „Coaching mit DreamGuidance. Wie berufliche Visionen Wirklichkeit werden“ berücksichtigt Birgitt Morrien diese Klientenberichte in Auszügen. Der Titel erscheint im Herbst bei Kösel / Random House.


Informationen zum geförderten Coaching
Das Coaching bei Birgitt Morrien kann im Einzelf finanziell anteilig bezuschusst werden, für Gründer/innen im 1. Jahr der Selbstständigkeit bis zu 90 Prozent.

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