Zur Sicherheit: Cops, Cash & Krisen-Management

Wohin es führen kann, wenn Mitarbeiter/innen sich unangemessen bezahlt fühlen, vermittelt die Spitzer Journalistin Sylvia Greßler aktuell im Coaching-Blogger in ihrer kasachischen Episode aus einer gefährlichen Zeit, zeitlos.

„Die Polizei – dein Freund und Helfer“. Mit diesem Slogan bin ich groß geworden, doch sollte ich erst in Alma-Ata begreifen lernen, dass dies nicht uneingeschränkt den Tatsachen entspricht.

Ungebetener Besuch

Immer wieder erzählten mir Nachbarn und Kollegen, von der kasachischen Polizei gehe ganz besondere Gefahr aus. Es hieß, häufig würden Raubüberfälle von Polizisten verübt.
So kam es vor, dass es an der Wohnungstür klingelte und die Polizei davorstand. Waren die Herren einmal in der Wohnung, räumten sie alles aus, was sie für brauchbar hielten, und verschwanden wieder. Dies war für die Bestohlenen doppelt schlimm – nicht nur waren sie ihrer Habseligkeiten beraubt, sie hatten damit auch keine Anlaufstelle, wo sie die Tat hätten melden können. Keiner wusste, wie man sich gegen dieses Übel zur Wehr setzen konnte.
Zunächst hielt ich diese Meldungen für Gerüchte und gab nichts darum.

Armer Polizist

Eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit stand ich im Bus, eng eingepfercht zwischen anderen Fahrgästen, da fiel mein stets neugieriger Blick auf einen Polizisten, der offensichtlich zum Dienst fuhr. Sein grauer Dienstmantel war total zerschlissen, zudem mindestens eine, wenn nicht sogar zwei Nummern zu klein, die Nähte an einigen Stellen unter den Armen und am Rücken geplatzt. Wie viele Kinder mag er haben, überlegte ich. Wie groß mag seine Familie sein, die er ernähren muss? Und beim Anblick dieses Amtsträgers beschlich mich die Ahnung, dass an der Warnung meiner Freunde irgendetwas dran sein könnte.
Der kasachische Staat war nach dem Zusammenbruch der UdSSR total verarmt. Häufig wurden den Menschen in den Betrieben – diese waren ja zum größten Teil staatseigen – monatelang keine Gehälter ausgezahlt, und dasselbe galt auch für Staatsbedienstete wie die Polizei.

Überfall!
 
Wochen später saß ich bei einem Abendessen einer neuen Lektorin, die der DAAD aus Deutschland an die Alma-Ataer Hochschule entsandt hatte, als plötzlich ihr Ehemann in die Wohnung stürmte und verwirrt stammelte:
„Ich bin ausgeraubt worden! Man hat mich auf offener Straße angehalten und mein Portemonnaie gefordert!“
„Wer denn?“
„Die Polizei!“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Die grauen Jungs mit den schwarzen Lederstiefeln gingen also mittlerweile tatsächlich an die „heiligen Kühe“ des Landes, an uns Westler. Nun ja, dachte ich, diesem deutschen Ehepaar sieht man schon von Weitem an, dass es aus dem goldenen Kapitalismus stammt und noch völlig unerfahren im kasachischen Alltag ist, also kein Wunder. (Ihre Kleidung und vor allem ihre Brillen entsprachen der westlichen Mode). Außerdem können die beiden kein Russisch, da sind sie natürlich ganz leichte Beute.
Seit diesem Abend wechselte ich vorsichtshalber sofort die Straßenseite, wenn ich Polizisten auf dem Gehsteig erblickte. Aber eines Abends schlug auch meine Stunde.

Nur schnell weg!

Ich schlenderte von der Bushaltestelle nach Hause, als ich plötzlich eine Stimme hinter mir hörte, die gebieterisch forderte: „Hallo, junge Frau, bleiben Sie mal stehen!“ Ich drehte mich um und sah eine Gruppe von drei jungen Polizisten. Sofort begriff ich die Situation: Da war die Gefahr, vor der ich immer gewarnt worden war. Ich rannte los, die Straße entlang, bog in eine kleine Seitenstraße, zwischen Häusern hindurch, überquerte Innenhöfe, hinter mir wieder die Rufe: „Junge Frau, stehen geblieben!“ Ich rannte, ich wusste, ich musste rennen, egal wohin, nur weg, schnell weg! Meine Kraft ließ allmählich nach, und irgendwann hörte ich nichts mehr hinter mir. Ich hatte sie abgehängt!
Noch einige Zeit trieb ich mich ziellos in dem Wohnviertel herum, dann schlich ich mit klopfendem Herzen zu meiner Wohnung. Stand dort vielleicht jemand im Gebüsch neben dem Hauseingang und wartete auf mich? Nein, die Luft war rein! Ich öffnete die Wohnungstür, huschte in meinen Flur, schloss hinter mir direkt wieder ab und legte alle Türketten vor. Dann fiel mir der ärmlich gekleidete Polizist im Bus wieder ein …
Seit jenem Tag verstehe ich die Notwendigkeit, die Polizei angemessen und gut zu bezahlen.

 

COP-Coaching

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