Zwischen den Welten

 Wie sich Kinder mit Migrationshintergrund im Schauspiel für den deutschen Alltag fit machen. Ein aktueller Bericht im Coaching-Blogger von Sylvia Greßler, die viele Jahre als Journalistin in Zentralasien unterwegs war. 

Sylvia Greßler:

„Ich möchte eine berühmte Schauspielerin werden und nach Hollywood gehen“, so oder so ähnlich klingen die Antworten der jungen Schauspielerinnen und ihrer wenigen männlichen Kollegen des Kindertheaters RIF. Diese Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis 13 Jahren treffen sich einmal pro Woche im Jugendzentrum CROSS in Bergisch Gladbach bei Köln und studieren zurzeit das Theaterstück „Die kleine Hexe“ ein.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Gruppe nicht von anderen jungen schauspielbegeisterten Menschen. Jedoch der Schein trügt: Die überwiegende Mehrheit dieser Kinder ist in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion geboren und als Kleinkind nach Deutschland eingereist. Sie haben einen deutschen Kindergarten besucht und gehen jetzt in eine deutsche Schule. Sie sprechen untereinander Deutsch, und zwar akzentfrei.

 

Diese Sprache ist quasi ihre „Muttersprache“, nur dass ihre Mütter und Väter der deutschen Sprache bei Weitem nicht so mächtig sind wie ihre Sprösslinge, denn die Eltern sprechen vorwiegend Russisch, was die kleinen Schauspielerinnen und Schauspieler wiederum nicht gut beherrschen. Viele Kinder von Migranten in Deutschland teilen diese Situation, die oftmals große Probleme mit sich bringt.

 

Auf sich selbst gestellt

Nicht nur dass die Kinder kaum Hilfe bei den Schularbeiten vonseiten der Eltern erwarten können, auch die ganz normale Kommunikation am familiären Küchentisch gestaltet sich aufgrund dieser Zweisprachigkeit innerhalb der Familie schwierig. Bedingt dadurch fehlt den Kindern, was das Deutsche betrifft, der Wortschatz, den sie normalerweise durch die Eltern lernen würden. Denn der Themenkreis in Kindergarten, Schule und auf der Straße ist gewöhnlich nicht identisch mit dem, was ein Kind zu Hause hört.

Neben der besonderen Sprachsituation stößt ein Kind mit Migrationshintergrund natürlich auch auf Schwierigkeiten, wie sie alle Heranwachsenden zu bewältigen haben: den Kampf um eine Position in dieser Gesellschaft. Aber hier sind diese Kinder häufig benachteiligt, da ihre Eltern auch noch nach Jahren in der neuen Heimat nicht wirklich angekommen sind. Manch einer von ihnen hat in der hiesigen Berufswelt nicht Fuß fassen können oder ist emotional nicht fähig oder gewillt, die Wertevorstellungen der deutschen Gesellschaft, die sich von denen der sowjetischen in vielem unterscheiden, zu akzeptieren, geschweige denn diese an die nachfolgende Generation weiterzugeben.

 

In jedem Fall können die Eltern die für ein Kind unabdingbare Unterstützung auf dem Weg in die Gesellschaft nur schwer leisten. Fragen der jungen Menschen zu der Welt außerhalb der eigenen vier Wände bleiben unbeantwortet. Die Heranwachsenden haben daher keine andere Wahl als zu versuchen, allein ihren Alltag zu meistern.

 

Spiel mit den Rollen

Und genau hier setzt die Idee der Regisseurin und Theaterpädagogin Natalia Plechanov, die selbst vor sieben Jahren aus dem sibirischen Kurgan nach Bergisch Gladbach umgesiedelt ist, an. Sie bietet mit einem Kindertheater diesen, aber auch anderen schauspielerisch interessierten Kindern einen Raum, sich zu erfahren und in der Gruppe zu orientieren. Auf die Frage, nach welchen Kriterien sie die Rollenbesetzung für die Kinderstücke vornimmt, antwortet sie: „Jedes Kind darf sich in verschiedenen Rollen ausprobieren, und dann spürt es, welche zu ihm passt.“

 

Für Plechanov ist es dabei wichtig, dass das Kind auf der Bühne authentisch ist. Natürlich muss es den Text seiner Rolle auswendig lernen, was bei dem besonderen sprachlichen Hintergrund eine enorme Leistung darstellt, darüber hinaus aber darf es seine Rolle weitestgehend selbst formen. So hängt die Ausgestaltung der einzelnen Figur vielfach von der individuellen Fantasie der kleinen Schauspielerinnen und Schauspieler ab. Denn ein Kind hat klare Vorstellungen davon, wie eine Hexe auf dem Besen reitet oder eine Fee tanzt. Diese Komponente macht das Kinderschauspiel für das Publikum, aber auch für die erfahrene Regisseurin besonders reizvoll.

 

Theater bedeutet das Transportieren von Gedanken, Ideen und Werten – und dies nicht nur über verbale Kommunikation. Die jungen Künstlerinnen und Künstler erfahren im Spiel, dass sie neben der Sprache das gesamte Repertoire der Körpersprache – Gestik, Mimik, Körperhaltung und -bewegung – einsetzen können, um ihre Gedanken und Gefühle darzustellen. Sie lernen zudem, auch die Reaktion des Gegenübers richtig zu deuten und zu verstehen.

 

Die Maxime heißt: Ausprobieren!

Kinder, die sich zwischen ihrem russischen Zuhause und dem deutschen Schulalltag hin- und herbewegen, stoßen mit dem daheim Gelernten bei den Mitschülerinnen und Mitschülern nicht selten auf Ablehnung oder – was mindestens genauso schlimm ist – werden verlacht. Die Angst vor Blamage sitzt bei ihnen tief. Das experimentelle Theater der sibirischen Regisseurin kennt die Grenzen von Verbot und Erlaubnis, von Akzeptanz und Blamage nicht.

 

So erklärt Plechanov: „Bei uns gibt es das Wort NEIN nicht. Bei uns heißt es: Geh und probiere es auf der Bühne aus! Wenn deine Idee funktioniert, ist sie freigegeben für die Realität der Straße, wenn nicht, musst du etwas ändern. Hier lacht keiner über dich.“ Diese Möglichkeit des vorherigen Ausprobierens im spielerischen Rahmen verhilft den Kindern zu einem selbstsicheren Auftreten in ihrem deutschen Alltag, das sie in ihrer speziellen Lebenssituation dringend brauchen.

 

Übrigens setzt sich die Schauspieltruppe aus Schülerinnen und Schülern verschiedener Schultypen zusammen. Und so hilft in der Pause zwischen den Proben die Gymnasiastin dem Hauptschüler bei den Matheaufgaben, der kann ihr dagegen in Fragen des deutschen Alltags einen Rat geben. Ihre gemeinsame Besonderheit, Kinder von Migranten zu sein, liefert ihnen eine wichtige Basis für das gegenseitige Verstehen. Außerdem wissen sie durch das Theaterspielen, dass jede und jeder im Stück eine Rolle hat und alle gebraucht werden.

 

Spielarten von Gut und Böse

Und warum hat Plechanov „Die kleine Hexe“ ausgewählt? „Die kleine Hexe probiert selber aus, was Gut und was Böse ist. Sie lässt sich von ihrer Andersartigkeit gegenüber den großen Hexen nicht einschüchtern. Sie verfolgt mit ihrem Tun das, was sie als gut erkannt hat. Mein Ziel ist es, diesen Kindern einen Raum zu bieten, auszuprobieren, was gut und was schlecht ist, und sie zu bestärken, mit der erlangten Erkenntnis über das Gute ihren Weg in der Gesellschaft zu gehen.“

Bei diesem Theaterstück handelt es sich übrigens um eine russische Vorlage, die sich eng an das gleichnamige Kinderbuch von Otfried Preußler hält. Sie wurde von der Slawistin Sylvia Greßler ins Deutsche übersetzt und gemeinsam mit Natalia Plechanov für die kleinen Schauspielerinnen und Schauspieler bearbeitet. Zu sehen ist das Theaterstück:

 

Wo?: CROSS, Kath. Zentrum für junge Menschen in Gronau, Mülheimer Str. 211,

51469 Bergisch Gladbach, Tel.: 02202 / 5 07 59

Wann?: 28.12.2010, 17h Uhr

 

Der Eintritt ist frei.

 

Veranstalter: Jugendmigrationsdienst Bergisch Gladbach

 

 

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