| Kolumnen

Babysitten für die Karriere

Kölner Stadtanzeiger vom letzten Wochenende:

Die US-diplomierte Kommunikations-Wissenschaftlerin hat durch ihre langjährige Beratungserfahrung festgestellt, dass wir neue Chancen besonders gut erkennen, wenn wir uns mutig in fremde Umgebungen aufmachen. So kann sogar Babysitten im Einzelfall erfolgreich aus der Sinnkrise helfen.

In "Mein Coach", der neuen Serie im Magazin des Kölner Stadtanzeigers, berichtet Kolumnistin Birgitt E. Morrien als Gastautorin über ihre Coachingpraxis und -forschung.

 

Mehr: http://www.ksta.de/html/artikel/1207260056461.shtml

 

Wer so manche meiner Klienten kurz nach der Beratung antrifft, muss annehmen, ich treibe meine Kundschaft in den Ruin. Da ist etwa Maria Brotwein (Name geändert), promovierte Pädagogin, die in einer beruflichen Sinnkrise zu mir kam. Mit Burnout-Symptom, das keinen Aufschub duldete, ohne gesundheitlich langfristig ernstlich zu schaden. Noch im Laufe des Coachings kündigte sie den für sie nicht mehr tragbaren Job, ohne eine neue Stelle in Aussicht zu haben. Die wichtigste Aufgabe war nun, in einer Auszeit durch möglichst viel Muße wieder zu sich zu finden und neue Kraft zu tanken. Ich ermutigte sie dazu, statt sich mit beruflichen Zukunftsfragen zu befassen, für eine Weile stundenweise in ihrem Bekanntenkreis Kinder zu hüten. Wir waren uns ganz sicher, der nächste Karriere-Schritt würde verlässlich überraschend in ihr Leben treten.

Meine langjährige Beratungserfahrung hat mir gezeigt, dass wir neue Chancen besonders gut erkennen, wenn wir uns mutig in fremde Umgebungen aufmachen. Unsere Sinne werden zwangsläufig dort geschärft, wo alte Routinen nicht mehr greifen. Wer – wie Brotwein – ungewöhnliche Veränderungen wagt, riskiert dabei, von anderen nicht verstanden und belächelt zu werden. Wer sich selbst jedoch neu erfinden will, wird das in Kauf nehmen. Denn wir können neue Möglichkeiten in unserem Leben begünstigen, indem wir dem Impuls der stärksten Energie in uns folgen, auch wenn dies auf andere und uns selbst im ersten Schritt vielleicht unsinnig wirkt.

Was Brotweins kommende Aufgabe betraf, kannten wir zu babysittenden Zeiten bereits einige wesentliche Parameter. Im Coaching hatten wir herausgefunden: Ihr Berufswunsch tendierte in Richtung Medien, womöglich mit einer Art beratenden Aufgabe in diesem Bereich. Brotwein kannte zwar entfernt einige TV-Leute, wusste jedoch keineswegs, wie eine Aufgabe in dem Bereich für sie aussehen könnte. Und sie kümmerte sich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht darum. Das klingt erst einmal unreif, fast pubertär. War jedoch Teil einer Passiv-Aktiv-Strategie, die Pause macht für die Gesundheit und zugleich Raum schafft für unverhoffte Möglichkeiten.

Beim dritten Sitterjob kam der Zufall ins Spiel. Die Kusine ihres Auftraggebers holte die beiden Kinder zum Kinobesuch ab. Beim Übergabegespräch ergab sich, dass diese Chefin einer Film-Produktion war und . . . – händeringend für das Casting und die fachliche Betreuung von Gästen eine Expertin suchte. Bereits am nächsten Tag gab es ein Vorstellungsgespräch. Die Chemie zwischen Brotwein und ihrer neuen Chefin stimmte, das Anforderungsprofil passte und die Stimmung im Team war großartig. Brotwein wagte den Wechsel in eine zeitweilige Tätigkeit, für die sie eigentlich überqualifiziert war, statt im ungeliebten Beruf zu verharren und weiter auszubrennen. Für die Gesundheit riskierte sie etwas und gewann so ihre neue Chance. Was wie ein Märchen klingt, ist tatsächlich der Lohn für einen mutigen Schritt.


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Morriens März-Kolumne: Der Mozart in uns allen

Mehr: www.coaching-blogger.de  / Fallgeschichten
Oder: http://www.ksta.de/html/artikel/1203599319793.shtml

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