Heilige Streifzüge / herbstlich Teil I: Kult-Marketing für Marien-Opferung

Wie ich in sieben Schritten die Welt von Kult und Kultur durchmaß. Ein leichtes Unterfangen, erst im Rückblick kühn. Davon heil heimgekehrt, bin ich nun reich an neuen Eindrücken, Einsichten & Erfahrungen.

 

Teil I:   Kult-Marketing für Marien-Opferung 

1. Geschafft:   Marien-Opferung der Moderne
2. Gesehen:   Gezielte Gehübung für Gläubige
3. Verpatzt:    Einseitig in Sachen Führung & Spiritualität


Teil II  folgt am 3. November 2006

 

1. Geschafft:  Anorektische Marien-Opferung der Moderne

Die Musik zur Aufführung war mir ein Hochgenuss: Variationen in Jazz auf ein altes Thema. Das Gebet als Gesang, glückselig in Hingabe, urbanen Pilgern zum Troste. In saxophonen Schreien gespiegelt, Hip-Hop-verspielt.

Erinnere ich mich an dürre Leiber auf  karg gestalteter Bühne. Gerupfte Federn zu Bergen gestapelt. Das Stakkato der Bewegungen bergend. Beziehungslos. Stummes Entsetzen der Einsamkeit. Trieben mir Schauer über den Rücken.

Gesichter unsichtbarer Verlorenheit. Allen voran ein Frauenleib. Fast durchsichtig. Knöchern. Gewaltig / in seinem Hunger / virtuoses Knochengeklapper. Unendlich selbst-beherrscht. Die Geschichte einer anorektischen Marien-Opferung der Moderne.

(„VSPRS“, Choreographische Adaption der Monteverdi-Marienvesper von Alain Platel in der Jahrhunderthalle Bochum, Mitte September 2006)

 

2. Gesehen: Gezielte Gehübung für Gläubige

Zu Tausenden kommen sie von überall her, hieß es in der Presse. Die Wiederentdeckung der Pilgerschaft. Passend gemacht für spirituelle Hungerleider. Modernes Marketing für Millionen. Die Kathedrale offeriert als Anlaufort. Wie im Mittelalter. Köln als Magnet.

Wäre nicht einer meiner Vorfahren an der wunderbar reichen Ausstattung des Herzstückes des Doms beteiligt gewesen, ich hätte diese wieder erwachende Pilgerfreude zum Heiligen Dreikönigenschrein vermutlich schlicht an mir vorbeiziehen lassen.

So aber gelingt es mir nicht, mich gleichgültig zu geben. Gebannt verfolge ich, wie mit dem Schrein nun auch die Katholiken ihren Kasten entdeckt haben. Was dem Islam der schwarze, ist uns hier der goldene Schatz. Heilig sind sie wohl beide.

(Domwallfahrt, Köln, später September 2006)

 

3. Verpatzt: Einseitig in Sachen Führung & Spiritualität

Die Dinge gelingen dann, wenn sie ausgewogen sind. Sind sie es nicht, geht die Sache schief. Darum ja öffnet sich der Management-Diskurs mittlerweile für neue Impulse, will längst emotional und intuitiv sein. Und sich nun auch spirituell geben.

Daran fehlt es ja auch, gesprochen für die Ausgewogenheit von Linearem und Nonlinearem. Denn mechanische Denkmanöver sind überholt. Und schon lange vor dem Management fühlten sich avantgardistische Physiker/innen von moderner Mystik und den alten Gesetzen der Levitation inspiriert.

Da es aber Teresa von Avila war, von der solche und andere Höhenflüge überliefert sind, will es mir nicht in den Schädel, warum die erste ZfU-Tagung* zu Spiritualität und Philosophie im Management Frauen als Referentinnen einfach ausspart und so das Grundprinzip der Balance schon im Ansatz ausblendet.

(*Zentrum für Unternehmensführung, CH-Thalwil, Anfang Oktober 2006)

 

 

Anmerkung:

Auf kultische und kulturelle Inspirationen und Provokationen mag ich nicht verzichten. Sie pusten mir den Kopf frei, bestenfalls. Vitalisieren mir die Sinne. Und so erfrischt, gewinnt Beratung: Fragelustig geht es da zur Sache, querfeldein. Denn oft findet sich im Abseits, was den verstellten Blick befreit und unverhofft den neuen Weg eröffnet. 

"Neue Wege entstehen, indem man sie geht."  Franz Kafka.

 

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