Mozart coachen: Von der Gabe zur Aufgabe

Die kurze Geschichte eines armen Schweins mit göttlichen Gaben.  Und der Aufgabe, Partituren als kosmisches Sprengpapier in die Welt zu tragen. Eine ungewöhnliche Karriere.

Morriens Kolumne zum Thema im Kölner Stadtanzeiger.

 


„Ich bin ein Betrüger. Ein maßlos überschätzter Abschreiber. Ein Griffel Gottes* bin ich, ein himmlischer Zappelo, der sich durchs Leben schlägt. Ein lebensgieriger Nimmersatt. Mir selbst zuviel geworden. In Angst um meine Zukunft vor Ihre Tür geworfen:

Gefangen in dem Dilemma,  tosenden Engeln zu lauschen und damit der Erde dienen zu müssen. Partituren als kosmisches Sprengpapier in mir zu tragen. Und diese schön abgemildert in die Welt zu bringen / in strenger Übersetzungspflicht.

Gescheitert bin ich, geschäftlich am Ende, in mir zerrieben und nach Liebe süchtig. Gerade gefloppt mit meiner letzten Oper**. Sitz ich vor Ihnen: ein armes Schwein mit göttlichen Gaben!“

Sein zausiges Haar sehe ich. Darüber das große Fragezeichen. Und auch ein Rufzeichen mit einem Stern als Unterpunkt. Der Mann ist am Ende / bereit für strahlend neue Anfänge.

Die zeichnen wir mit leichtem Federstrich: Schon sitzt er da bequem in rotem Ledersessel, lächelnd in Art Deko, die Füße lässig hochgelegt auf einen schwarzen Stuhl. Und lauscht.

Nun meiner Stimme, die ihn ins hohe Alter führt, von dort zurück zu seinen Anfängen. Und dann hinauf durch alle Augenblicke besondren Glücks. Die Lebensleiter hoch gehüpft durch alle Sphären. Hier ist er sicher!

Wohlig räkelnd und gähnend kehrt er zurück. Nach einer halben Stunde Uhrzeit dieser Art hat er sich neu erkundet. Das Logbuch seiner Reise beginnt er – wie auch anders – mit einem Notenschlüssel:

Den Stimmen des Himmels folgend durch die eigene Lebens-Partitur. Vom gewogenen Glück in den summenden Armen seiner Amme. Über Augenblicke schreiender Liebe, die in Lust tief erschüttern. Bis zur jähen Leere des Lacrimosa  ***, die den Blick ins Licht schon früh öffnet.

„Ich bin zu jung, um schon so alt zu sein!“ lacht er und springt auf. „Und doch: Ich bin bereit, die Sache stimmt. Vom Himmel vorgestrickt, will ich sie wohl entrollen. Ein Kind des Glücks bin ich, den Göttern folgend!“


 
 
Hinweise:

* Seinen Beitrag über Mozart schließt Nikolaus Harnoncourt kürzlich so: „Mozart zwingt uns, in seelische Abgründe zu schauen und kurz darauf in den Himmel; vielleicht ein Griffel in der Hand Gottes.“  (NZZ 23/2006)
Diese Formulierung hat mich berührt und zu meinem heutigen Logbuch-Beitrag angeregt.       

** Der Wiener Misserfolg von „Le nozze di Figaro“ 

*** Von den letzten Dingen – das „Lacrimosa“ aus Mozarts Requiem. Im Autographen zeigt sich übrigens, dass der tödlich erkrankte Komponist nur noch die Kraft zur Skizze hatte für die Violinen und die Bratschen. Die Choristen und den Bass konnte er nicht mehr aufs Papier bringen.

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