Das stille Unglück. Eine Hinwendung

Nicht mehr schlafen können. Sich selbst verletzen. Sich verlassen fühlen. Einsam. Und darunter leiden. Sich aber darin nicht mitteilen können, sondern dem Druck der Überforderung stumm standhalten. Stilles Leid, das auch unter Schüler*innen zunimmt. Nun initiiert ein innovativer Schulleiter mit einer wegweisenden Fortbildung Impulse zur ersten Selbsthilfe.

Nicht mehr schlafen können vor lauter Stress. Sich aber auf keinen Fall in der Erschöpfung zeigen. Dieses Leid erleben verstärkt auch Schüler*innen. Und bestrafen sich unter anderem mit Selbstverletzungen, wenn sich das Gefühl einstellt, den steigenden Anforderungen nicht zu genügen, den fremden und den eigenen.

Ein innovativer Schulleiter versucht nun, am Tabu zu rütteln, indem er zwei professionelle Beraterinnen mit ausgewählten Schüler*innen zusammenbringt. Diese sollen sich für das Thema sensibilisieren und Möglichkeiten der Hilfestellung entwickeln, indem aufgedeckt wird, was aus Scham sonst keine Sprache findet.

Die Fortbildung „Das stille Unglück. Eine Hinwendung“ mit den beiden Senior Coaches Birgitt Morrien und Karola Berlage am Alexander-Hegius-Gymnasium im westfälischen Ahaus hat womöglich Modellcharakter. Schulleiter Michael Hilbk beabsichtigt durch die Fortbildung, das „unsichtbare Leid“ sichtbar zu machen und zu mindern.

 

Protokoll eines Workshoptages mit Karola Berlage und Birgitt Morrien: Das stille Unglück

Im Teil (A) des Workshops „das stille Unglück“ wurden die verschiedenen Perspektiven bestimmt und die jeweiligen Bestandteile herausgearbeitet.
Der zweite Teil (B) hat in Form eines Rollenspiels die bisher im Plenum erarbeiteten Stichpunkte erlebbar gemacht und so die Inhalte in eine alltagsnahe Situation übertragen.
Abschließend (C) wurde überlegt, was es braucht, um in der Schule über den Umgang mit Problemen zu reden und wie mehr Mitgefühl an der Schule entwickelt werden kann.
 

A: Perspektiven des „stillen Unglücks“
 
Zu 1: Woran erkennt man Unglück?
•    anderen hinterherdackeln
•    Rückzug aus bestehenden Verbindungen/ von Freunden
•    gereizt
•    auffällig verändertes Verhalten z.B. von laut zu leise
•    Schule schwänzen
•    verändert still
•    Selbstverletzung
•    offen nur im anonymen Chat
•    unsicheres Verhalten
•    extrem verändertes Essverhalten
•    sehr leise und viel alleine
•    wegrennen

Zu 2: Was ist alles zu bewältigen in der Schule, neben der Leistung?
•    Konkurrenz um gute Noten
•    Konkurrenz um Freundschaft
•    Konkurrenz im Sport (z.B. Mädchen vs. Jungen)
•    zu einer uncoolen Person halten ist uncool
•    uncool ist, eine uncoole Mannschaft im Sport gut zu finden

Zu 3: Was braucht jemand um das zu schaffen?
•    Respekt
•    Freundlichkeit
•    Zusammenarbeit
•    hohe Frustrationstoleranz
•    soziale Kompetenzen
•    offen & ehrlich sein
•    einstecken können
•    Selbstbewusstsein
•    Verständnis
•    Liebe
•    Freunde
•    Mut
•    Einfühlungsvermögen / Empathie
•    Widerstand
•    Humor
•    Ernsthaftigkeit
•    Toleranz
•    Unterstützung
•    selbstlos sein
•    man selbst sein und eine eigene Persönlichkeit haben
•    eine eigene Meinung haben- kein Mitläufer sein
•    an andere anpassen (wenn man nicht „dazu passt“=
→Dieser Aspekt hat zwei Seiten: auf der einen Seite ist es etwas, dass mir hilft im Schulalltag gut klarzukommen, auf der anderen Seite brauchen meine MitschülerInnen dieses Verhalten auch von mir.

zu 4: Was fühlt jemand bzw. wie fühlt man sich, wenn man die Leistung und die anderen Anforderungen in der Schule und im Leben nicht schafft?
•    Angst vor Ausgrenzung
•    das Gefühl haben nicht zu genügen/ nicht genug zu sein
•    das Gefühl überflüssig, unnütz oder / und ungeliebt zu sein
•    Angst vor mangelndem Einfühlungsvermögen der Anderen
•    Angst, dass andere die Wunde verstärken (wenn man z.B. von der Trennung der Eltern erzählt und das Gegenüber freudestrahlend dann vom bevorstehenden gemeinsamen Urlaub mit den Eltern erzählt)
•    Angst davor von anderen als schwach angesehen zu werden
•    Angst davor keine Unterstützung zu bekommen; stehen gelassen zu werden
•    Angst vor „falscher Hilfe“ , die es schlimmer macht
•    Angst vor mangelndem Interesse
•    Angst davor andere zu nerven

zu 5: Was braucht jemand, der / die innere Not hat?
•    jemanden, mit dem man über alles sprechen kann
•    jemanden, der / die Grenzen, die man gesetzt hat, akzeptiert
•    nicht bedrängt werden und dennoch das Gefühl haben, dass da jemand ist, der offen ist
•    andere, die auf einen zukommen
•    Zeit und Raum für sich
•    Mut und Ermutigung, um darüber zu reden
•    eine langsame Annäherung
•    ein Vertrauensverhältnis
•    körperliche Zuwendung, wie z.B. in den Arm genommen zu werden
•    mal anders sein dürfen, ohne sich erklären zu müssen und doch weiter dazugehören
•    Vertrauen in die Gruppe
•    über Gefühle sprechen
•    einfach geschehen lassen
•    Zuversicht
•    eine Aussicht (eine Vorstellung von der Zukunft, ein Gedanke, …)

 

B: Rollenspiel  „Urban Roughball“ Weltmeisterschaft

Acht SpielerInnen gehören zum Urban Roughball*-Team, welches zur Weltmeisterschaft fährt. Als Preis winken nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch ein Stipendium und eine Gruppenreise nach New York.

Eine Woche vor dem Endspiel ist leider der Coach erkrankt, so dass die Mannschaft von der Teamkapitänin gecoacht wird. Ihr Job ist es, alle Mitglieder des Teams im Blick zu haben.

Kurz vor dem Spiel geht es jedoch einem Teammitglied nicht gut. Die Person gibt zu Schlafstörungen zu haben und das Gefühl zu haben die vor ihm liegende Aufgabe nicht zu schaffen. Voller Scham teilt das Teammitglied mit, dass es schon seit Wochen von Selbstzweifeln geplagt wird und nun das Gefühl hat, dass es gar nicht mehr geht.
Im Rollenspiel wurde die Reaktion des Teams nachgeahmt.
 
zu 1: Perspektive des „Stolpersteins“
•    Gefühl das „schwarze Schaf“ zu sein
•    einsam
•    Scham
•    Angst, die Anderen zu enttäuschen
•    Angst, dass die Anderen mit der Hilflosigkeit nicht gut umgehen können
•    Angst, dass das Vertrauen nicht reicht
•    Gefühl zu lange gewartet zu haben, da der Stolperstein die Gruppe nicht enttäuschen wollte
•    Angst, dass man sich über seine Schwäche lustig macht
•    es ist peinlich

zu 2: Perspektive der Gruppe
•    moralischer Druck bewirkt Abwehr
•    Gefühl der Überforderung
•    Gefühl der Hilflosigkeit
•    zu viel Verantwortung
•    Enttäuschung
•    sauer sein
•    Gruppe fühlt sich durch „Stolperstein“ gestört

zu 3: Was hilft?
•    Mitgefühl wirkt positiv
•    wir haben ihn unterstützt und motiviert
•    Ansprechen auf Augenhöhe
•    Verständnis und Empathie
•    verstanden werden
•    gesehen werden
•    Sensibilität für das Gegenüber
•    Bereitschaft zu Verzicht auf Teilnahme bei der WM

zu 4: Was hilft nicht?
•    mangelnde Einfühlung
•    Appell „Sei doch vernünftig…!“
•    moralischer Appell „Du darfst uns nicht im Stich lassen…!“
•    unter Druck setzen
•    im Stich lassen

zu 5: Was kann die Gruppe und jeder einzelne daraus Lernen?
•    auf eigenen Gefühle hören und sich rechtzeitig melden
•    es ist wichtiger, dass es uns gut geht, als zu gewinnen
•    es erfordert viel Mut zu den eigenen Verletzlichkeiten zu stehen
•    es ist stark zu den eigenen Schwächen zu stehen

C: Was braucht es, um in der Schule über den Umgang mit Problemen zu reden? Wie kann mehr Mitgefühl an der Schule entwickelt werden?
•    einüben von Formen des Miteinander, z.B. Platzrotation in der Klasse
•    AG`s zu den von SchülerInnen bestimmten besonderen Themen
•    Stunden für eine Art „Klassenrat“, in der z.B. Streit thematisiert und geschlichtet werden kann
•    Persönlichkeitsentwicklung ist genauso wichtig, wie „Fachkunde“
•    Themen, wie emotionale Intelligenz, Lern- und / oder Trainingsprogramme
•    mehr Zeit, um diesen Stoff in der Schule zu behandeln
•    VertrauenslehrerInnen/ externe Profis, die mit den SchülerInnen über diese Themen sprechen (keine benotenden LehrerInnen)

O-Ton der SchülerInnen: Was habe ich heute gelernt?
•    „Sich in andere hineinversetzen“
•    „Nicht unter Druck setzen“
•    „Unglückliche nicht alleine lassen“
•    „Wie wichtig es ist zu merken, dass es jemandem nicht gut geht“
•    „Woran man merkt, dass jemand unglücklich ist“
•    „Schwach ist, wer sich für stark hält“
•    „Ich hab Dich im Blick“
•    „Auge auf die Anderen haben“
•    „Wissen, was man macht, wenn es jemandem nicht gut geht“
•    „Sich in andere hineinversetzen“
•    „Mir ist bewusst, was man braucht, um gut klarzukommen“
•    „Nicht aufgeben jemandem zu helfen“
•    „Zu den Schwächen stehen ist stark!“
•    „Nicht glauben, dass unsichtbar Unglückliche nicht gesehen werden wollen“

*Fiktive Sportart. Wording by Morrien

 

--------- Anzeige -----------------------------
Heike Bernat: Entspannung für Kinder
---------------------------------------------------

Sinnstiftende Karrieren

 

Share

Kommentar Schreiben