| Essays, Zeit der Poetin

Gertrude Stein ist nicht mein Vater

Neugierig sah sich die Kollegin das Portrait hinter dem Schreibtisch an. Das prägnante Profil einer ihr unbekannten Person. „Ist das Ihr Vater?!“, fragte sie ihre Gastgeberin, die freundlich verneinte. „Das ist“, sagte diese, „Gertrude Stein.“

Gertrude Stein

Birgitt Morrien

In meinem Arbeitszimmer steht das Portrait einer berühmten Amerikanerin. Ihr Ausdruck ist ernst, besser noch, sehr bestimmt. Sie blickt in eine Ferne, die sich meinem Blick entzieht. Doch wohin auch immer sie sieht, es scheint sie anzuziehen, was sich ihr dort offenbart.

Als ich in den USA studierte, ergaben sich mitunter Treffen mit einer von mir sehr geschätzten Professorin. Wir trafen uns in einem Restaurant nahe dem Campus. Unsere Gespräche drehten sich um Kunst und Kultur, vor allem jedoch um das, was wir als das Wesentliche erkannten: die Liebe.

Vor allem die Liebe dazu, sich dem zu stellen, was als Kraft in uns ist und ausgedrückt werden muss. Das zu tun, sei uns als Frauen nicht nur Möglichkeit, vielmehr innere Verpflichtung. Darin waren wir uns einig. Uns dieser Kraft zu stellen, mit aller Leidenschaft, darin waren wir uns ähnlich.

Mit uns im Bunde war Gertrude Stein. Durch den bloßen Hinweis meiner Professorin auf ihre Existenz saß sie plötzlich mit am Tisch. Mir bis dahin völlig unbekannt, setzte sich die Pionierin mit großer Selbstverständlichkeit zu uns und begann von ihrem Leben zu erzählen und von ihrem Werk.

Wir lauschten gebannt dieser beeindruckenden Persönlichkeit. Irgendwie mächtig. Mir gefiel vor allem, dass sie uns nicht gefallen wollte. Sie wirkte so, als sei ganz sie selbst zu sein ihr eigentliches Geheimnis. Denn ich fragte mich, was die besondere Anziehung ausmachte, die sie auf mich hatte.

Ein gewisser Grimm, der sich um ihre Mundwinkel zu legen schien, wann immer sie Themen streifte, die ihr Unbehagen weckten. Der Krieg. Das Exil. Die Not. Und dann wieder dieses exquisite Lächeln, wohl auch einer Gewissheit zu danken, die sich aus ihrem Erbe ergab – und ihrer Mission.

Sie sei nicht nur reich geboren, gab sie zum Besten, sie habe sich vor allem am Leben bereichert. Einfach so, indem sie fühlte, was sie fühlen wollte, und tat, wonach ihr der Sinn stand. Sie habe sich verschenkt, auch das. Und durch die große Liebe ihres Lebens sei sie selbst reich beschenkt worden.

Gemeinsam mit dieser, Alice B. Toklas, sei es ihr gelungen, die beiden zentralen Aufgaben ihres Lebens zu verbinden: die Kunst zu fördern und weniger materiell Begünstigte wie Hemingway und Picasso. Und ihre eigene Aufgabe voranzutreiben, die amerikanische Sprache zu revolutionieren.

„Vermutlich will Gertrude dir etwas Bestimmtes sagen“, bemerkte meine Professorin während dieser Unterhaltung, die Gertrude vor allem allein bestritt. Sie war wie ein Mann, der einfach vor sich hin redete in der sicheren Gewissheit, unwiderstehlich zu sein in allem, was er von sich gab.

Dies war jedoch der einzige Punkt, in dem ich Gertrude als naiv empfand, auf frappierende Art ignorant. Erst als Alice plötzlich hinter ihr stand und ihr sanft auf die Schulter klopfte, schien sie aus ihrer Trance der Selbstbezogenheit zu erwachen. Und gab sich überrascht, noch nichts von uns erfahren zu haben.

Um ihr nicht nachzustehen, begann ich von meinen Vorfahren zu berichten, von den Schlössern, den Fehden, den Verlusten. Vom Abschied aus der Vormachtstellung in Westfalen. Von der Schmach, die das bedeutet hatte. Und davon, dass all das schon Jahrhunderte zurückläge.

„Es wird Zeit, dass du endlich in deinem eigenen Leben auftauchst“, hörte ich mich zu mir selbst sagen. Zwar erst Jahre später, aber doch so, dass die Aufforderung mich bereits in dem Moment innerlich erreichte. Und ich Gertrude unverwandt ansah und sie bat, mir dabei zu helfen, ich selbst zu sein.

Mit einem tiefen Ernst schaute sie mich an und versprach, bei mir zu sein, wenn ich herausgefunden hätte, was meine Mission sei. Ich könne mich absolut auf sie als Mäzenatin, Mentorin und Muse verlassen. Sagte sie, stand auf, hakte sich bei Alice unter und verließ langsam schreitend die Szene.

„Es ist ihr zuzutrauen“, meinte meine Professorin kopfschüttelnd. Gertrude tauche nur dann und dort auf, wo sie Potenzial wittere und den ihr verwandten Geist. Ich könne mich glücklich schätzen. Sagte sie und stand auf, um den beiden Frauen zu folgen, die bereits vorausgegangen waren.

Ich blieb allein zurück, irritiert zwar, doch noch im Aufwachen mit einem Gefühl großer Gewissheit.

 

Informationen zur Autorin:

Traumhaft: Sinnstiftende Karrieren: 50 Coaching Case Studies & Stories
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